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KANADA

Flug nach Kanada und die ersten Tage in Nova Scotia
13. Mai bis 17. Mai 2024

 

Heute ist es endlich soweit. Um 12.50 Uhr soll unser Flieger von Zürich nach Frankfurt abheben. Wir müssen daher nicht zu ungewohnt früher Stunde aufstehen, sondern können den Tag wie üblich beginnen. Die Reisetaschen stehen schon bereit, Kühlschrank und Tiefkühler sind leer und abgestellt. Nachbarn, Freunde und Verwandte verabschiedet und der Kehricht im Container deponiert. Noch ein letzter Kontrollgang durch das ganze Haus, dann marschieren wir los zur Haltestelle und fahren mit dem Bus zum Bahnhof Othmarsingen. Pünktlich fährt der Zug nach Zürich ein. Dort steigen wir um und erreichen nach etwa 50 Minuten den Flughafen.

Die Gepäckabgabe am Schalter der Swiss ist schnell erledigt. Nach einer Stärkung mit Kaffee und Gipfeli geht es durch die Sicherheitskontrolle in den Abflugbereich. Wie immer gibt mein künstliches Hüftgelenk im Metalldetektor an, die Leibesvisitation ist heute aber so gründlich wie noch nie zuvor.

Wir haben noch genügend Zeit bis das Gate öffnet und so treffen wir meinen Bruder Daniel, der am Flughafen arbeitet, in einem der Restaurants zu einem alkoholfreien Drink.

Dann ist es endlich soweit, dass wir das Flugzeug besteigen können und mit 45 Minuten Verspätung starten. Wir kommen mit unserem Sitznachbarn ins Gespräch. Er fliegt mit seiner Frau ebenfalls nach Halifax. Sie haben ihre Motorräder verschifft und wollen in einem Jahr von Kanada bis nach Feuerland fahren.

Nach einer knappen Stunde landen wir bereits in Frankfurt. Schier endlos scheint der Weg im riesigen Flughafen bis zum Abflugbereich C, wo unser Airbus A330 der Eurowings Discover Airlines bereitsteht. Vorher müssen wir aber nochmals durch die Sicherheitskontrolle. Hier werden wir durchleuchtet, so dass das Abtasten wegen der Hüftprothese entfällt. Durch den verspäteten Abflug in Zürich entfällt eine lange Wartezeit in Frankfurt und so machen wir es uns schon bald im Flugzeug gemütlich. Der Flug über England, Irland und den Nordatlantik dauert nur knapp 7 Stunden. Diese vertreiben wir uns mit Filmen. Dazwischen wird das Mittagessen und ein Snack verteilt und schon befinden wir uns im Landeanflug auf den Flugplatz von Halifax.

Die Grenzkontrolle verläuft problemlos. Mit der App “Arrive Canada” haben wir vorgängig schon alle Sicherheitsfragen für die Einreise beantwortet und können an einer langen Warteschlange vorbei, direkt zu den Automaten, wo der Pass noch gescannt werden muss. Dann geht es zum Grenzbeamten, wo wir nochmals einige Fragen zur Dauer und dem Zweck unseres Aufenthaltes in Kanada beantworten müssen. Dann können wir zur Gepäckausgabe und ohne weitere Kontrolle einreisen. Die Mitnahme meines Medikamentenvorrates für zwei Jahre ist somit kein Problem.

Der Flughafen Halifax ist angenehm klein und übersichtlich, eher provinziell. Beim Ausgang fragen wir einen Angestellten nach dem Bus 320 ins Zentrum. Der nette, ältere Herr begleitet uns freundlich ein Stück zur Haltestelle, wo der nächste Bus auch schon wartet. Mit der App «HFX-GO-Halifax» haben wir noch etwas Mühe und zahlen deshalb die Tickets von CAD 9.50 bar. Der Fahrer kann kein Rückgeld geben, mit 50 Cent hält sich unser Verlust aber in Grenzen.

Nach einer halben Stunde sind wir an der Endstation, wo sich auch unsere Unterkunft, das Barrington Hotel, befindet. Am Empfang liegt unsere Reservation bereit und so können wir unser Zimmer rasch beziehen. Es ist jetzt etwa 19 Uhr und so bleibt noch genügend Zeit für eine erste Erkundungstour zum Hafen, wo wir uns in einem der vielen Restaurants verpflegen.

Nach einem kräftigen Frühstück, wir haben das Breakfast Weekday Package gebucht, mit Hashbrowns, Eiern, Speck und Toast starten wir zur Stadtbesichtigung. Vom Hotel geht es in nur wenigen hundert Metern hinauf zur Zitadelle. Dabei kommen wir an der Old Town Clock vorbei. Bei dem Uhrturm, einem der Wahrzeichen von Halifax, handelt es sich um ein Geschenk von Edward, Herzog von Kent, der Ende des 18. Jahrhunderts als Oberkommandierender die britischen Truppen befehligte.

In der Halifax Citadel kaufen wir uns, statt eines Tagestickets, gleich den Discovery Pass. Damit können wir während einem Jahr über 80 durch «Parks Canada» verwaltete Nationalparks und Sehenswürdigkeiten besuchen. Mit dem Bau der Zitadelle, die auf einem Hügel über der Stadt liegt, wurde bereits 1749, gleich nach der Gründung der Siedlung begonnen. Die Festung diente dem Schutz des langgestreckten Hafens. In der Anlage geht es zu wie in einer Kaserne. In historischen Uniformen eines Schottischen Regimentes exerzieren angestellte Statisten und üben Kanoniere die Handhabung der Kanonen. Jeden Tag um Punkt 12 Uhr wird ein Geschütz abgefeuert. Bei der Vorführung erfahren wir, wie wichtig für die Seefahrer die genaue Zeit war. Denn bei der Bestimmung des Breitengrades exakt am Mittag, dem höchsten Sonnenstand, bedeutete eine Minute Differenz eine Abweichung von 14 Kilometern.

Wir verbringen mehrere Stunden mit Führungen, Waffendemonstrationen und Besichtigung der Museen in der Festung bevor wir zu den Public Gardens, einer wunderschönen Parkanlage am Fuss des Festungshügels, spazieren. Hier geniessen wir den wolkenlosen Himmel und das warme Wetter auf einer Parkbank. Die zahlreichen Blumenrabatten mit Tulpen und Narzissen sind in voller Blüte. Auch die Magnolien und Rhododendren zeigen sich in allen Farben. Während in der Schweiz bereits der Frühsommer Einzug gehalten hat, sind wir hier in Halifax noch mitten im Frühling.

Nach einer stärkenden Eiscreme geht es weiter zur Einkaufsstrasse «Spring Garden Road». Hier finde ich auch einen Optiker, wo ich die Sonnengläser, die im Fluggepäck in die Brüche gegangen sind, ersetzen kann. Vorbei an einem alten Friedhof, der von 1749 bis 1843 genutzt wurde, marschieren wir bis zum Point Pleasant Park. In dem weitläufigen Waldgebiet, das von zahlreichen Wanderwegen durchzogen ist, verbringen zahlreiche Spaziergänger, Biker, Jogger und Hündeler die Zeit und geniessen den Ausblick auf die Meeresbucht. Auch hier stehen noch einige Ruinen alter Kanonenstellungen, welche dem Schutz der Hafeneinfahrt dienten.

Nach über 10 Kilometern Fussmarsch und vielen tollen Eindrücken kehren wir zurück zum Hotel und ruhen uns erst einmal aus. Schon bald geht es aber wieder los zum Hafen denn es ist schon wieder Zeit für das Nachtessen. Die Promenade entlang der Bucht ist grösstenteils neugestaltet und neben den historischen Holzgebäuden wurden etliche Glaspaläste errichtet, welche die Skyline dominieren. Zahlreiche Imbissbuden und Restaurants in allen Preisklassen lassen für den grossen und kleinen Hunger keine Wünsche offen. Ich entscheide mich für Hummer-Poutine. Dabei handelt es sich um Hummerfleisch das auf einer Schüssel Pommes Frites verteilt und mit einer Hummer-Käsesauce angerichtet wird. Für Elsbeth gibt es eine Seafood Chowder, eine cremige Fischsuppe.

Am Mittwoch haben wir den Termin mit dem Spediteur. Zeit und Ort wurde uns von der Mitarbeiterin bereits am Montag per E-Mail bekannt gegeben. Idealerweise treffen wir uns nicht im Hauptbüro der Gesellschaft, sondern in einem Workspace, nur wenige hundert Meter vom Zoll entfernt. Mit dem Taxi erreichen den Treffpunkt in etwa 20 Minuten. Der Fahrpreis von CAD 32, inklusive Steuern und Trinkgeld, liegt deutlich unter unseren Erwartungen. Um 09.20 Uhr werden wir von Anne empfangen. Wir bezahlen die Gebühr von CAD 150 und erhalten dann die Frachtpapiere. Auf dem Pult liegt noch ein ganzer Stapel von Dossiers, die von der jungen Mitarbeiterin heute noch erledigt werden müssen und so folgen die Termine mit den Fahrzeughaltern in 10 Minutentakt.

In wenigen Minuten erreichen wir zu Fuss das Zollgebäude und stellen uns in die Warteschlange. Auch hier müssen wir dann nochmals etliche Fragen betreffend Fahrzeuginhalt, Reisedauer und Reisepläne beantworten, dann bekommen wir den Stempel auf die Frachtpapiere.

Wir wollen unser Brummsli noch nicht heute abholen, da wir das Hotel noch eine weitere Nacht reserviert haben. Wir nehmen deshalb den Bus und fahren zum Hotel zurück. Der Routenplaner von Google Maps führt uns zwar zuerst zur falschen Buslinie, wir finden dann aber, mit umsteigen, doch noch den richtigen Bus in die Innenstadt. Auch die Handhabung der Bezahlapp für das Ticket ist kein Problem.

Den Rest des Tages verbringen wir wieder auf der Promenade an der Waterfront und in den Public Gardens.

Am Donnerstag, dem 16. Mai, geniessen wir ein letztes Mal das «währschafte» Frühstück im Hotel und checken dann aus. Mit dem Bus 29 fahren wir bis knapp vor den Container Terminal am Fairview Cove. Mit einem kurzen Umweg, da wir unsere Unterlagen vorgängig nicht genau studiert haben, erreichen wir schliesslich das Empfangsgebäude. Ausgerüstet mit unserer gelben Warnweste und dem Besucherausweis, den wir erhalten haben, werden wir zum Bürogebäude auf dem eingezäunten Hafenareal gefahren. Hier müssen wir die vom Zoll abgestempelten Papiere vorweisen und werden dann zu unserem Fahrzeug geführt. Mit dem Hafenarbeiter kontrollieren wir das Wohnmobil auf Schäden und prüfen ob in den Schränken etwas fehlt. Es ist alles in Ordnung und so quittieren wir den Empfang.

Auf dem grossen Parkplatz vor dem Hafen machen wir unser Brummsli reisefertig. Den Stickstoff im Gastank lassen wir ab. Das ist ungefährlich, stinkt einfach etwas. Die Sandbleche werden wieder an der Rückwand montiert und die Schränke umgeräumt.

An der erstbesten Tankstelle füllen wir den Dieseltank. Wir fragen höflich nach Trinkwasser, angeblich gibt es aber keine Möglichkeit den Wassertank zu füllen. Nächster Halt ist bei einer Gastankstelle. Entgegen den Angaben in unseren Reiseunterlagen werden hier aber nur Gasflaschen und keine fest eingebauten Gastanks befüllt. Die Mitarbeiter verweisen uns an «Canadian Tire», nur wenige hundert Meter weiter. Hier wird uns dann auch geholfen. Der Andrang am Propangastank ist riesig. Zahlreiche Kanadier lassen hier ihre Gasflaschen auffüllen. Bis wir dran sind unterhalten wir uns mit dem kanadischen Besitzer eines riesigen Wohnmobils über die Gas- und Wasserversorgung. Er empfiehlt uns, einen Campingplatz aufzusuchen um den Wassertank zu füllen. Die Mitarbeiterin an der Gaszapfsäule bekommt das mit, und bietet mir an, den Wasseranschluss in der Autowerkstatt zu nutzen. Endlich sind wir dran und im Nu sind 47 Liter Propangas im Tank. Beim Ablassen des Stickstoffes habe ich die grosse Mutter zum Druckregler nicht stark genug angezogen, darum ist die Verbindung nicht ganz dicht. Ich ziehe deshalb mit dem grossen 30er Schlüssel vorsichtig etwas stärker an und schon ist das Problem gelöst. Danach können wir noch, wie versprochen, den Wassertank füllen.

Jetzt müssen nur noch der leere Kühlschrank und die Lebensmittelschubladen gefüllt werden. Da keine Nahrungsmittel im Camper mitgeführt werden durften, ist unsere Einkaufsliste ziemlich lang. Mit CAD 320 ist dann auch die Belastung auf der Kreditkarte recht happig.

So, jetzt wollen wir nur noch raus aus der Stadt. Wir geben die Koordinaten eines kostenlosen Stellplatzes an der Terence Bay ein und erreichen nach knapp 30 Kilometern unser erstes Tagesziel. Der Kiesplatz liegt neben einem Kinderspielplatz unmittelbar am Wasser. Wir wollen es uns jetzt gemütlich machen. Doch wo ist mein Mobiltelefon? Wir durchsuchen alle Taschen an Jacken und Hosen, durchforsten die Fahrerkabine und den Wohnbereich, doch das Telefon bleibt unauffindbar. Auch ein Anruf auf die vermisste Nummer hilft nicht, denn vermutlich ist das Handy immer noch auf "lautlos" gestellt, da ich meist vergesse am Morgen auf "laut" umzustellen. Nach einem anstrengenden Tag befällt mich leichte Panik. Habe ich das blöde Ding beim Einkaufen im Laden oder auf dem Parkplatz verloren? Schnell packen wir unsere sieben Sachen zusammen und fahren wieder zurück ins Einkaufszentrum nach Halifax. Auf dem Parkplatz ist nichts zu finden und auch am Kundendienst vom Walmart ist nichts abgegeben worden. Ich steige wieder ins Auto und male mir schon aus, was alles zu unternehmen ist. Am meisten ärgert mich, dass die SIM-Karte von Yallo mit unbeschränktem Datenpaket für USA und Kanada weg ist. Doch was liegt denn da in der Ablage der Fahrertür? Mein Telefon. Mir fällt ein riesiger Stein vom Herzen. Erleichtert fahren wir zurück an die Terence Bay und braten uns ein feines Steak

Nach einer ruhigen Nacht folgen wir der Küstenstrasse. Schon nach wenigen Kilometern fahren wir auf einen Parkplatz am Strassenrand und unternehmen einen kurzen Spaziergang durch die Heidelandschaft die durchzogen ist von glatt geschliffenen Granitfelsen. Zwischen den zahlreichen Inseln vor dem Festland kreuzen etliche Fischerboote. Die wilde Küste erinnert stark an Norwegen oder Schottland.

Jetzt ist es nur noch ein kurzes Stück bis Peggys Cove. Der hübsche Fischerort mit dem markanten Leuchtturm ist ein beliebtes Reiseziel und wird in der Hochsaison von zahllosen Touristen und Reisecars überrannt. Etliche Künstler führen hier ihre Galerien. Für uns Schweizer hat der Ort durch den Absturz der Swissair-Maschine SR111 am 2. September 1998 traurige Berühmtheit erlangt. 229 Menschen verloren dabei ihr Leben. Etwas ausserhalb von Peggys Cove besuchen wir die Gedenkstätte.

Gemütlich fahren wir weiter entlang der zerklüfteten Küste, vorbei an hübschen Ortschaften mit bunten Häusern bis nach Lunenburg. Das Städtchen ist benannt nach der Herkunft der vielen deutschen Einwanderer aus Lüneburg. Auf dem Campingplatz im kleinen Ort finden wir einen schönen Stellplatz. In der hübschen Destillerie Ironworks kaufen wir ein Sortiment an kleinen Fläschchen verschiedener Schnäpse und Liköre. Am Hafen liegen grosse Segelschiffe vor Anker und ein Fischtrawler legt ab, während wir uns auf der sonnigen Terrasse eines der vielen Restaurants mit Fish & Chips verpflegen.

 

 

Rund um Nova Scotia  
18. Mai bis 26. Mai 2024

 

Während wir an der Entsorgungsstation des Campingplatzes beschäftigt sind, werden wir plötzlich auf Schweizerdeutsch angesprochen. Einem Ehepaar, das ursprünglich aus Wettingen bzw. Zürich stammt, aber schon seit 50 Jahren in Kanada lebt, ist unser Aargauer Nummernschild aufgefallen. Die beiden sind ebenfalls auf dem Weg nach Neufundland und Labrador und raten uns, die Überfahrt von North Sydney nach Port aux Basques schon zu buchen. Wir nehmen uns das zu Herzen und wollen das heute Abend noch erledigen. Wir schwatzen noch eine Weile bevor die Fahrt los geht.

Im Ovens Natural Park, nur wenige Kilometer von Lunenburg entfernt, machen wir den ersten Halt. Der Eintritt ins private Schutzgebiet, kostet zwar ein paar Dollar, aber als «young looking seniors» erhalten wir 50% Rabatt. Auf einem gut ausgebauten Spazierweg entlang der Steilküste vertreten wir uns die Beine. Der Pfad führt hoch über dem tosenden Meer durch einen schönen Wald. Etliche Stolleneingänge alter Goldminen, die um 1860 in den brüchigen Schiefer geschlagen wurden, sind hier zu besichtigen.

Auf der wenig befahrenen Autobahn geht es der Küste entlang bis zur Cape Sable Island, die über einen Damm erreicht werden kann. Auf einem Parkplatz beim Strand, am Rande eines Vogelschutzgebietes finden wir einen schönen Übernachtungsplatz. Vorher umrunden wir die kleine Insel aber noch, um uns das ursprüngliche Fischerdorf Clark’s Harbour anzusehen, welches im Reiseführer als sehenswert gepriesen wird. Wir können dem kleinen Ort allerdings nicht viel abgewinnen und kehren zu unserem Übernachtungsplatz zurück und reservieren die Fähre nach Neufundland für Montag, den 27. Mai. Eine ganze Weile sorgen vorbeifahrende Pickups mit ihren grossen Motoren für ordentlich Lärm. Schliesslich verbringen wir hier dann aber doch eine ungestörte Nacht, obwohl ein kräftiger Sturm mit Regen aufzieht.

Generell fällt auf, dass vor den meisten Häusern gleich mehrere Autos stehen, häufig grosse SUVs oder Pickups, ein wahrer Horror für jeden Klimaaktivisten.

Am nächsten Morgen erreichen wir jene Gegend, die im 17. Jahrhundert von französischen Einwanderern besiedelt wurde. Sie nannten diese Gebiet Akadien. Später wurden sie zwar von den Engländern vertrieben, viele kehrten aber hierher zurück. Die Nachfahren sind noch heute stolz auf ihre Herkunft und an manchem Haus weht die Trikolore mit dem goldenen Stern. Vereinzelte Kanadische Fahnen scheinen mit Französischstämmigen zu konkurrieren.

Mittag ist schon vorbei, als wir auf dem Campingplatz von Digby einchecken. Der Platz ist frisch renoviert. Die Besitzerin erzählt uns, dass sie versuchen bei einem Teil der Stellplätze den Rasen neu anzusäen. Es hat hier aber schon seit Wochen nicht mehr geregnet, auch gestern ist es trocken geblieben. Deshalb ist die arme Frau den ganzen Tag damit beschäftigt die Parzellen zu bewässern, bei nur geringem Wasserdruck in den Leitungen ist das ein mühsames Unterfangen.

In einer knappen Viertelstunde spazieren wir ins Dorfzentrum. Im Hafen befindet sich die grösste Fangflotte für Kammmuscheln in Neuschottland. In den Restaurants werden deshalb überall «Scallops» in allen Variationen angeboten. Wir wenden uns allerdings dem Hummer zu und bestellen «Lobsterrolls», die vorzüglich schmecken, allerdings für relativ wenig Hummerfleisch doch recht teuer sind. Dafür können wir auf der Terrasse die Sonne geniessen, die sich heute wieder zeigt.

Auf den Campingplatz ist die Besitzerin immer noch am Bewässern, während immer mehr neue Gäste eintreffen. Die Kanadier fahren meist mit riesigen Trailern vor, die selbst einer Grossfamilie genügend Platz bieten würden. Die Mietfahrzeuge der europäischen Reisenden sind eine Nummer kleiner, aber immer noch recht geräumig. Ein Aargauer Paar aus Windisch im eigenen Pickup mit Absetzkabine trifft ebenfalls ein. Auch sie haben die Reise, wie wir, letzte Woche begonnen.

Bei Digby erstreckt sich die schmale Landzunge Digby Neck in die Bay of Fundy. Eigentlich besteht der Landstreifen aus drei Teilen, wobei die zwei äusseren Inseln durch Fähren miteinander verbunden sind. Die Bucht von Fundy zeichnet sich durch ausgewöhnlich hohen Tidenhub von bis zu 21 Metern aus. Dieser Rekord wurde 1869 verstärkt durch einen Sturm gemessen. Normalerweise beträgt der Gezeitenunterschied 10 – 16 Meter. Uns interessiert heute allerdings etwas anderes. Auf der ersten Insel gilt eine etwa 6 Meter hohe, schmale Basaltsäule, die aufrecht auf einer Felsplatte über dem Ozean steht, als Sehenswürdigkeit.
Nach rund 45 Kilometern Fahrt durch die liebliche Landschaft des Digby Neck, erreichen wir die erste Fähre (East Ferry). Diese fährt immer zur halben Stunde. Wir müssen deshalb fast 45 Minuten warten, bis wir in wenigen Minuten zum gegenüberliegenden Ufer nach Tiverton übersetzten können. Von hier sind es nur noch wenige Kilometer bis zum, noch leeren, Wanderparkplatz. Wenige Minuten später treffen auch unsere Stuttgarter Nachbarn vom Campingplatz ein und stellen ihr Fahrzeug neben unseres.

Auf einem gut ausgebauten Plankenweg gelangen wir bis zur Steilküste. Informationstafeln geben Einblick in Geologie, Flora und Fauna der Umgebung. Am Schluss des kurzen Spazierganges führen 235 Stufen hinunter ans Meer zum Balancing Rock.

Wir kehren zurück zum Parkplatz und machen uns auf den Rückweg. Die Gegend ist bekannt für Wal-Beobachtungs-Touren. Allerdings hat die Wal-Saison noch nicht begonnen und so müssen wir uns nicht darüber den Kopf zerbrechen, ob wir nochmals eine Bootstour buchen sollen. Wir haben die Meeressäuger schon in Norwegen und Island bewundert. Dafür geniessen wir am Lake Midway einen herrlich gelegenen Picknick-Platz bei schönstem Sonnenschein.

Über Digby erreichen das historische Städtchen Annapolis Royal. Bevor wir uns der Geschichte des Ortes widmen, fahren wir zum Baumarkt um uns Wasseranschlüsse mit Zollgewinde zu besorgen. Denn obwohl in Kanada die Distanzen in Kilometern und die Geschwindigkeiten in Km/h angegeben sind, passen unsere metrischen Gewinde der Gardena-Anschlüsse nicht.

Annapolis Royal wurde um 1600 durch französische Siedler gegründet, und schon bald durch eine Festung gesichert. Trotzdem wurde der Ort 1710 durch die Engländer erobert und die Akadier wurden vertrieben oder deportiert. 

Wir besichtigen das Fort, welches, wie zur damaligen Zeit üblich, sternförmig angelegt ist. Allerdings wurden die Mauern nicht wie in Halifax aus Stein errichtet, sondern bestehen aus Erdwällen. Ein altes Munitionsdepot und ein kleines Museum sind im Zentrum der Anlage zu besichtigen.

Wir spazieren durch den geruhsamen, kleinen Ort mit den bunten Holzhäusern zurück zum Parkplatz und fahren ins Landesinnere bis zum Kejimkujik Nationalpark. Auch hier ist der Zugang, wie in der Festung von Annapolis Royal, dank dem Discovery-Pass, den wir in Halifax erworben haben, kostenlos. Lediglich für zwei Übernachtungen auf dem grosszügigen Campingplatz müssen wir 57 CAD bezahlen. Die zahlreichen, im schattigen Wald gelegenen Stellplätze am Kejimkujik See sind nur spärlich belegt.

Für den nächsten Tag haben wir eine Wanderung geplant. Die ursprünglich geplante Route ist allerdings wegen einem maroden Plankenweg gesperrt, wir finden aber eine schöne Alternative entlang dem Mersey River. Wir marschieren durch den schattigen Wald, entlang dem Fluss mit dem moorig braunen Wasser und treffen lediglich auf zwei Radfahrerinnen, die uns entgegenkommen. Nach etwa 2 Stunden kehren wir um und wandern auf der gleichen Route zurück zum Campingplatz.

Es ist jetzt Mittwoch, der 22. Mai. Heute steht uns eine längere Fahrt bevor. Wir wollen bis nach Truro, um am Salmon River die Gezeitenwelle zu beobachten. Diese ist hier, auf Grund des hohen Tidenhubes in der Bay of Fundy, besonders ausgeprägt. Am Flussufer gibt es deshalb sogar ein spezielles Informationszentrum. Im Internet ist eine Tabelle zu finden, auf der für jeden Tag die Uhrzeit angegeben ist, zu der die Welle erwartet wird. Für heute wäre das 12.35 Uhr, also kurz nach Mittag. Wir stellen deshalb den Wecker und machen uns etwas früher als üblich auf den Weg. Da wir wieder einmal einen Fastentag einlegen, sparen wir uns auch noch die Zeit fürs Frühstück. Nur schnell den Wassertank auffüllen uns schon geht es los.

Auch wenn wir nicht die Autobahn benutzen kommen wir zügig voran. Hier im Zentrum von Nova Scotia weicht der an der Küste allgegenwärtige Wald landwirtschaftlichen Flächen, die hauptsächlich für Viehwirtschaft genutzt werden. Nur gelegentlich müssen wir durch Ortschaften auf 50 oder 60 Stundenkilometer abbremsen. Meist geht es mit 70 bis 90, mit wenig Verkehr, dem Ziel entgegen. Um 11.30 erreichen wir das Informationszentrum und setzen uns auf eine Bank. Ein Tourist aus Texas gesellt sich zu uns und erzählt von seinen Reisen rund um die Welt, auch Zermatt und das Lauterbrunnental hat er schon besucht. So geht die Zeit schnell vorbei, bis sich die etwa 1 Meter hohe Flutwelle den Fluss hinauf wälzt. Eigentlich haben wir uns das Ganze etwas spektakulärer vorgestellt. Gemäss Mitarbeitern im Infozentrum war die Welle heute auch nicht besonders hoch. Was solls, wir haben auf jeden Fall alles auf Foto und Video festgehalten und können dann einmal im Alter von den Erinnerungen zehren.

Bis wir am Montag mit der Fähre nach Neufundland übersetzten, haben wir noch ein paar Tage die uns bleiben. Diese wollen wir nutzen um Cape Breton Island, den nordöstlichsten Teil Neu-Schottlands, zu erkunden. Die Küstenstrasse Cabot Trail, soll eine der Schönsten der Welt sein; wir lassen uns überraschen.
Die Region ist geprägt von den schottischen Einwanderern. Deshalb sind die meisten Ortsnamen auch gälisch angegeben. Am 15. September 1773 brachte der Dreimaster «Hector» die erste Gruppe schottischer Highlander nach Pictou. Am Hafen, mit den historischen Gebäuden, ist eine authentische Nachbildung des Schiffes noch im Bau. Allerdings, sind bei unserem Besuch, kurz vor Saisonbeginn, die meisten Restaurants und das McCulloch Heritage House Museum geschlossen oder in Renovation. Trotzdem geniessen wir den Spaziergang am alten Hafen.

Via Cape George, mit dem Leuchtturm hoch über den Klippen, gelangen wir auf Cape Breton Island. Während der Nacht am Strand bei Troy regnet es heftig. Am nächsten Morgen zeigt sich der Himmel allerdings schon wieder wolkenlos. Vorbei an Siedlungen der «First Nations», wie die Ureinwohner heute politisch korrekt genannt werden, geht es nordwärts. In Geschäften entlang der Strasse wird von den Mi’kmaq, neben Souvenirs auch Cannabis verkauft. Es scheint, dass das hier, zu medizinischen Zwecken, legal möglich ist.

Unseren nächsten Übernachtungsplatz finden wir etwas abseits der Strasse am Meer. Vom Meer her weht allerdings ein kalter Wind, so dass wir uns im Windschatten unseres Wohnmobiles an der Sonne aufwärmen. Über dem kalten Wasser bildet sich bald dichter Nebel, der dann gegen Abend auch unseren Schlafplatz erreicht. Hoffen wir, dass Morgen die Sonne wieder scheint, denn wandern ist wieder angesagt.

Tatsächlich ist uns der Wettergott hold. Es ist angenehm warm und fast wolkenlos. Zuerst ein kurzer Stopp in Ingonish Beach. Hier gibt es zum Einlaufen einen kurzen Spaziergang in Richtung Middle Head, der langgestreckten Landzunge, die ins Meer hinausragt. Allerdings ist auch hier vor Saisonbeginn noch nicht alles bereit. Der Wanderweg ist teilweise gesperrt oder noch im Ausbau befindliche. Es ist eher mühsam vorwärts zu kommen. Deshalb machen wir nur eine verkürzte Schlaufe durch den schattigen Wald und freuen uns an den Eichhörnchen, die in den Tannenzapfen nach Samen suchen.

Bis zum Ausgangspunkt der Wanderung auf dem Franey Trail sind es nur wenige Kilometer, das letzte Stück ist zwar für Wohnmobile gesperrt. Das Fahrverbot ignorieren wir aber. Einerseits ist unser Fahrzeug nicht grösser als einer der hier üblichen Pickups und zum anderen ist der Andrang um diese Jahreszeit noch nicht so gross. Der Parkplatz ist darum auch fast leer.

Durch den lichten Mischwald geht es zuerst auf einem breiten Kiesweg mässig bergauf, später auf einem steinigen Bergweg steil hoch zum Gipfel. Von hier bietet sich eine atemberaubende Aussicht auf die Küste, die vor uns liegt, auch der Middle Head in Ingonish, wo wir erst noch spaziert sind, liegt uns zu Füssen. Ein komfortabler, roter Holzsessel steht auf einer der Felsplatten und lädt zum Geniessen der Aussicht ein.

Der Rückweg ist etwas länger als der Aufstieg, dafür ist er weniger steil. Es sind nur wenige Wanderer unterwegs. Ein Schwesternpaar mit riesigem Feldstecher, erzählt uns begeistert, dass sie auf dem Gipfel einen wilden Truthahn beobachten konnten, den Ersten den sie je gesehen haben. Wir mussten uns mit ein paar Eichhörnchen begnügen.

Wir folgen der Küste, die immer wieder schöne Ausblicke bietet. Zahlreiche Haltemöglichkeiten und Picknickplätze laden zu kurzen Stopps ein. Auf kurzen Spazierwegen lässt sich die nähere Umgebung erkunden.

Unser Plan wäre auf dem Campingplatz über den Klippen von Meat Cove, ganz im Norden der Halbinsel zu übernachten. Allerdings wird das Wetter von Westen immer schlechter. Dichter Nebel breitet sich aus und es beginnt zu regnen. Ausserdem bläst ein heftiger Wind. Wir entschliessen uns deshalb umzukehren und hoffen auf besseres Wetter weiter südlich. Wir werden allerdings enttäuscht. Der Nebel hat sich an der ganzen Westküste ausgebreitet. Erst gegen Abend zeigt sich bei unserem Übernachtungsplatz in Chéticamp nochmals die Sonne.

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