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Reise ins Baltikum 11.8.25 -
Über Ulm und Regensburg nach Passau
Das abrupte Ende unserer Nordamerika-Reise Anfang Jahr haben wir in der Zwischenzeit verdaut. Auch unser Wohnmobil ist nach fast zwei Monaten in der Werkstatt wieder einsatzbereit. Die Mitarbeiter der Firma Calag in Langenthal haben hier wirklich tolle Arbeit geleistet.
Am Montag, dem 11. August sind wir wieder startklar. Das Fahrzeug ist geputzt und voll beladen und so fahren wir bei wolkenlosem Himmel und heissen Sommertemperaturen los. In Koblenz überqueren wir den Rhein und reisen in Deutschland ein. Wie so oft fahren wir abseits der Autobahn. Wir wollen mit einer kurzen Etappe beginnen und ursprünglich nur etwa 80 Kilometer bis nach Engen fahren. Hier gibt es einen kleinen kostenlosen Stellplatz am Fuss der alten Stadtmauer. Von hier machen wir einen Spaziergang durch die hübsche Altstadt. Allerdings machen uns die Temperaturen von über 30° zu schaffen und so entschliessen wir uns, doch noch ein Stück weiter zu fahren und die Vorzüge der klimatisierten Fahrerkabine zu geniessen.
Kurz nach Sigmaringen erreichen wir die noch junge Donau und folgen dem Fluss bis nach Ulm. Hier richten wir uns auf dem schönen und grosszügigen Stellplatz beim Donaubad gleich für zwei Tage ein. Von hier ist die Altstadt zu Fuss in 20 Minuten zu erreichen. Die Universitätsstadt liegt noch in Baden-Württemberg. Die Donau bildet die Grenze zu Bayern, wo auch Neu-Ulm liegt und ein länderübergreifendes Doppelzentrum bildet.
Entlang der Donau schlendern wir auf der belebten Promenade, die auf der einen Seite durch den Fluss und auf der Anderen durch die Stadtmauer begrenzt ist. Durch eines der Stadttore gelangen wir ins Fischer- und Gerberviertel, durch welches die Grosse Blau und die Kleine Blau fliessen. Fast ein wenig wie Venedig. Vorbei am Schmalen Haus und dem Schiefen Haus gelangen wir zum Münster Der Grundstein des Münsters wurde bereits 1377 gelegt. Der 161.53 Meter hohe Turm, der höchste Kirchturm der Welt, wurde allerdings erst 1890 vollendet. Den zweiten Weltkrieg hat der Bau weitgehend unbeschadet überstanden.
Am zweiten Tag wagen wir dann auch den Aufstieg über die 560 Stufen der schmalen Wendeltreppe. Da kommen wir bei brütender Sommerhitze ganz schön ins Schwitzen und können den Kreislauf wieder ordentlich in Schwung bringen.
Zur Belohnung gibt es dann Schwäbische Maultaschen und knusprigen Schweinskrustenbraten mit Knödeln und dazu ein würziges Bier.
Am Mittwoch, dem 13. August liegen etwa 200 Kilometer bis nach Regensburg vor uns. Die Ursprünge der Bayrischen Stadt, die ebenfalls an der Donau liegt, reichen bis in die Römerzeit zurück. Direkt am Fluss, nur 10 Gehminuten von der Altstadt entfernt, liegt der Wohnmobilstellplatz. Hier gibt es keine grosszügige Infrastruktur wie in Ulm, dafür kostet er auch nur 2 Euro für 24 Stunden.
Da es immer noch sehr heiss ist, nutzen wir erst einmal den kleinen Touristenzug für eine Stadtrundfahrt. Das gibt uns schon einmal einen Überblick und einige interessante Informationen. So befindet sich hier der Sitz des Fürstenhausen Thurn und Taxis, das durch das Postmonopol zu unermesslichem Reichtum gekommen ist. Die Steinerne Brücke, welche von 1135 bis 1146 erbaut wurde, ist ein beliebtes Fotosujet. Bei der Errichtung soll, ähnlich der Teufelsbrücke in der Schöllenen Schlucht, auch der Teufel die Finger im Spiel gehabt haben. Ein Besuch im Dom St. Peter und ein Spaziergang durch die schattigen, engen Gassen runden unseren Besuch ab.
Bis nach Passau, unserem nächsten Etappenziel, sind es nur etwa 120 Kilometer. So sind wir zeitig auf dem Wohnmobilstellplatz. Auch hier sind es nur wenige Gehminuten bis zur Altstadt, die auf einer Landzunge beim Zusammenfluss von Donau, Inn und Ilz liegt. Überragt wird die Altstadt vom Dom St. Stephan. Bei unserem Besuch wird die Orgel, die mit 17974 Pfeifen und 233 Registern als die grösste Orgel Europas gilt, gerade restauriert. Der üppige Barockbau mit farbenprächtigen Wand- und Deckenbildern, sowie prächtigen Stuckaturen ist sehr beeindruckend.
In den engen Gassen der Altstadt ist es wieder angenehm kühl und auch an der Donau gibt es schattige Bänkchen zum ausruhen und beobachten der riesigen Flusskreuzfahrtschiffe, die hier vor Anker liegen und deren Passagiere durch die hübschen Gassen schlendern.
Von Passau nach Tschechien. Besuch von Cesky Krumlov, Ceske Budejovice, Tabor und Prag
Von Passau geht es nicht mehr weit, bis zur Österreichischen Grenze. Sowohl in Bayern, wie auch in Österreich, wird unser Plan die Lebensmittelvorräte aufzufüllen durch den Feiertag Maria Himmelfahrt vereitelt. Denn in diesen katholischen Regionen sind alle Geschäfte geschlossen.
Durch den Böhmerwald geht es auf einer schmalen Strasse, die von zahlreichen Radfahrern genutzt wird nach Tschechien. Die Gewichtslimite von 3.5 Tonnen ignorieren wir. Am Moldaustausee sind die Campingplätze wegen dem verlängerten Wochenende voll. Zahlreiche Touristen aus Deutschland, Österreich und Tschechien wollen am Wasser die heissen Tage verbringen.
In Cesky Krumlov (Krumau) herrscht ein ziemliches Verkehrschaos. Bald erkennen wir auch den Grund, denn über dem Ort thront ein eindrückliches Schloss. Auf den grossen Parkplätzen halten die Besucher nach einer Parkmöglichkeit Ausschau. Im Gegensatz dazu gibt es auf dem Wohnmobilstellplatz noch genügend Abstellmöglichkeiten.
Auf einem ausgedehnten Spaziergang erkunden wir das Schloss mit der imposanten Fussgänger-Bogenbrücke und die Altstadt, die in einer Schlaufe des Flusses Vltava liegt. Der Fluss ist bei uns besser bekannt unter dem Namen Moldau. Auf dem Wasser werden Rafting- und Kanutouren angeboten und in den zahlreichen Restaurants in den engen Gassen verpflegen sich Unmengen an Touristen. Wie wir jetzt erfahren, gilt Cesky Krumlov als der, neben Prag, meistbesuchte Touristenort in Tschechien.
Die Nacht auf dem Stellplatz verläuft nicht ganz ungestört. Unsere deutschen Nachbarn haben ein Baby, das sich während der Nacht immer mal wieder meldet.
Unser nächstes Ziel ist Ceske Budejovic (Budweis). Das sind nur etwa 25 Kilometer. So können wir den Tag gemütlich starten und noch einkaufen.
In Budweis, etwa 20 Gehminuten von der Altstadt entfernt, finden wir auf dem kleinen Campingplatz eines Ferienresorts Unterschlupf. Die 40 Euro pro Nacht sind zwar für tschechische Verhältnisse recht teuer. Dafür ist es sauber und ruhig. Hier treffen wir auch unsere Nachbarn von letzter Nacht mit dem Kleinkind wieder.
Wir haben für zwei Nächte gebucht. So können wir den kleinen Ort gemütlich erkunden. Die hübsche Altstadt mit den gepflegten Häusern ist rund um den grossen Hauptplatz angelegt. Unter den Arkaden sind zahlreiche Geschäfte und Restaurants zu finden.
Für Montagmorgen haben wir in der Brauerei «Budvar», wo das Budweiser Bier gebraut wird, eine Tour gebucht. Hier wird schon seit Jahrhunderten Bier gebraut, denn jeder Bürger, der ein Haus besessen hat, erhielt vom König die Erlaubnis zur Bierherstellung. Die Brauerei wurde 1895 gegründet und 1945 verstaatlicht. Sie befindet sich auch heute noch in Staatsbesitz. Seit 1907 wird mit der Amerikanischen Firma Anheuser Busch, welche ebenfalls ein Bier unter der Bezeichnung «Budweiser» herstellt um die Nutzungsrechte des Namens gestritten.
Wir erfahren, dass das Wasser für die Bierherstellung aus zwei Quellen stammt, die durch Bohrungen in eine Tiefe von über 300 Meter erschlossen wurden. Das Wasser der artesischen Brunnen stammt aus einem unterirdischen See und steht unter Druck, so dass es ohne Einsatz von Pumpen an die Oberfläche gelangt.
Im Sudhaus bestaunen wir die riesigen Kupferkessel, in denen die Gerstenmaische mit dem Hopfen und dem Wasser erhitzt wird. Danach gelangt es in gewaltige Gärtanks und reift schliesslich im Keller bei 2 – 4 Grad während 90 Tagen bis es in den automatischen Anlagen in Flaschen abgefüllt wird. Die Kapazität liegt bei 40'000 Flaschen pro Stunde. Selbstverständlich darf auch eine Verkostung des Gerstensaftes nicht fehlen. Da in Tschechien für Autofahrer ein Alkoholverbot besteht (0.00 Promille), muss ich mich mit einem kleinen Schluck begnügen, während Elsbeth das ganze Glas geniessen kann.
Nach der Besichtigungstour geht es noch weiter bis nach Prag. Dort haben wir für drei Nächte auf einem kleinen privaten Campingplatz reserviert. Es gilt deshalb noch etwa 170 Kilometer abzuspulen.
Auch in Tschechien muss auf Autobahnen und Schnellstrassen Maut bezahlt werden. Fahrzeuge unter 3.5 Tonnen können dazu im Internet eine elektronische Vignette kaufen. Wir würden für unser Fahrzeug, welches bis 4.1 Tonnen zugelassen ist, ein Mautgerät benötigen, mit dem die gefahrene Strecke erfasst wird. Darauf haben wir verzichtet und müssen deshalb die Autobahn meiden. Trotzdem kommen wir zügig voran und erreichen kurz vor 17 Uhr den Camp Dana Wohnmobilplatz.
Es liegen jetzt zwei anstrengende Tage mit Stadtbesichtigungen vor uns. Der Wohnmobilplatz liegt dazu aber ideal. Nur 100 Meter entfernt befindet sich die Tramhaltestelle. Von dort gelangen wir mit der Linie 14 in 20 Minuten zur Altstadt und mit der Linie 25 direkt hinauf zur Prager Burg. Zudem haben wir den Vorteil, dass für Senioren ab 65 die Fahrten kostenlos sind.
Heute Dienstag geht es erst einmal in die Altstadt. Durch den alten Pulverturm gelangen wir zur Teyn Kirche mit den markanten Türmen am Altstädter Ring, dem grossen Platz, dessen Ursprünge auf das 10. Jahrhundert zurückgehen. Hier befindet sich auch das Altstädter Rathaus mit der astronomischen Uhr. Immer zur vollen Stunde sind hier die 12 Apostel zu sehen. Das Ereignis wird jeweils von zahlreichen Touristen erwartet. Weiter geht es zur Karlsbrücke, einem der Wahrzeichen von Prag. Die Skulpturen von Heiligen, die über den Brückenpfeilern stehen, sind beliebte Fotosujets.
Bereits im Mai 2013 haben wir die Hauptstadt von Tschechien besucht. Schon damals tummelten sich viele Touristen in den engen Gassen und bei den wichtigsten Sehenswürdigkeiten. Aber jetzt im August ist es wirklich voll. Auffällig sind die vielen Besucher aus Asien und dem Nahen Osten.
Wir suchen uns immer mal wieder eine schattige Bank an der Moldau um uns zu erholen und kehren schliesslich zurück zum Wohnmobilplatz. Erst als es dunkel wird, fahren wir nochmals ins Zentrum für einen Abendspaziergang und um die, von Scheinwerfern beleuchteten, historischen Gebäude zu sehen.
Am Mittwoch fahren wir dann hoch zur Prager Burg. Vorbei am Kloster Strahov gelangen wir zum Kapuzinerkloster Loreto. Hier bestaunen wir den Kreuzgang mit dem schönen Innenhof und die üppige barocke Kirche mit den reichen Verzierungen. In der Schatzkammer sind wertvolle Monstranzen ausgestellt. Die Schönste, die Prager Sonne, besteht aus vergoldetem Silber und ist mit 6222 Diamanten verziert.
Dann erreichen wir die Prager Burg und den St. Veits Dom. Hier tummeln sich wieder die Touristenmassen und es bilden sich lange Schlangen vor den Ticketschaltern.
Zu Fuss geht es wieder hinunter an die Moldau und schliesslich zurück zum Campingplatz.
Von Prag nach Wroclaw (Breslau) und Plock, quer durch Polen nach Litauen
Es ist jetzt Donnerstag, der 21. August 2025. Die nächsten Tage soll es jetzt etwas vorwärts in Richtung Baltikum gehen. Wir lassen Prag hinter uns und fahren in Richtung Polen. Wir meiden weiterhin Autobahnen und Mautstrassen. Dabei bereiten uns einige gesperrte Strassen ohne beschilderte Umleitungen ziemliche Probleme uns zwingen uns zu zeitraubenden Umwegen. Schliesslich erreichen wir aber doch noch die Polnische Grenze und unser Tagesziel Wroclaw (Breslau), das bis 1945 als Hauptstadt Schlesiens zum Deutschen Reich gehört hat. Bei der Oper finden wir auf dem Parkplatz einen zentral gelegenen und doch ruhigen Übernachtungsplatz. Den Abend geniessen wie in der schönen Altstadt an der Oder bei einem Nachtessen in einem Georgischen Restaurant. Wir sind beeindruckt von den herrlich renovierten Häusern rund um den Marktplatz in dessen Mitte das gotische Alte Rathaus steht.
Wir besuchen die Elisabethen Kirche. Hier fiel 1976 die Orgel des Instrumentenbauers Michael Engler einem Feuer zum Opfer. Das Instrument, das als «Stimme Schlesiens» bekannt war, wurde nach alten Skizzen und Plänen rekonstruiert und 2022 eingeweiht.
Weitere eindrückliche Kirchen sind St. Maria auf dem Sande auf der Sandinsel und der Dom auf der Dominsel.
Die nächste Etappe bietet touristisch nicht viel. Das Zentrum Polens ist hauptsächlich von Landwirtschaft geprägt. So geht es grossmehrheitlich vorbei an ausgedehnten Maisfeldern und bereits abgeernteten Getreideäckern. In Plock, an der Weichsel, wollen wir unten am Fluss, etwas ausserhalb der Stadt auf einem Parkplatz übernachten. Dieser wird hauptsächlich von Fischern genutzt, die hier zahlreich ihr Glück im breiten Fluss versuchen.
Solange es noch hell ist, vertreten wir uns die Beine auf einem Spaziergang in die Stadt. Wir besichtigen den Dom. Dieser wird zum 950 Jahr Jubiläum renoviert und erstrahlt in neuem Glanz. Hübsch ist auch der Hauptplatz mit zahlreichen Bänkchen und einem Wasserspiel. Die Stadt liegt auf einem Hügel und von einer Promenade bietet sich ein schöner Blick auf den Fluss, der bei Danzig in die Ostsee mündet. Von hier oben entdecken wir einen weiteren Parkplatz, der schön gelegen an einem Sandstrand liegt. Auch hier liesse sich gut übernachten. Allerdings befindet sich unmittelbar daneben eine Strandbar. Da heute Freitag hier vermutlich die Post abgeht, verzichten wir darauf den Standort zu wechseln. Wie sich später zeigt, liegen wir richtig, denn die Bässe sind auch auf unserem weit entfernten Fischer-Parkplatz noch zu hören.
Von Plock sind es noch etwa 400 Kilometer bis nach Litauen. Die Strecke wollen wir in einem Tag schaffen, was dank der guten Strassen auch problemlos gelingt. Im Laufe des Nachmittags erreichen wir die Suwalki-Lücke, ein etwa 60 Kilometer breiter Korridor zwischen der Russischen Exklave Kaliningrad und Belarus. Die restlichen polnischen Zloty können wir jetzt wieder wegräumen, denn in den Baltischen Staaten Litauen, Lettland und Estland gilt der Euro als Zahlungsmittel.
Wenige Kilometer hinter der Grenze übernachten wir etwas abseits der Strasse am Senkutis-See. Während der heutigen Etappe hat das Wetter umgeschlagen. Es ist jetzt recht kühl, um 13° und regnerisch.
Litauen
Jetzt geht es wieder gemütlich, mit kurzen Etappen, weiter. Zuerst fahren wir zum Aussichtsturm bei Metelial und weiter zum Thermalkurort Drusjububjak an Fluss Memel. Vom Stadtzentrum führt eine Seilbahn zu einer Indoor Skianlage, die auch im Sommer in Betrieb ist. Nach einem Spaziergang durch den ausgedehnten Park und das Stadtzentrum geht es weiter zum Grutas Park. Hier sind viele Denkmäler aus der Sowjetzeit ausgestellt, die 1990, nach dem Zerfall des Ostblocks, von den Sockeln gestürzt wurden. Hauptsächlich Lenin und Stalin sind mehrfach zu sehen. Aber auch martialische Heldendenkmäler sind erhalten geblieben.
Durch lichte Föhrenwälder erreichen wir Marcinkonys, wo wir am Kastinis See die Nacht verbringen werden.
Bei der Streckenwahl durch die Baltischen Staaten Litauen, Lettland und Estland stützen wir uns auf unseren Wohnmobilreiseführer, der sowohl die Route, als auch zahlreiche Sehenswürdigkeiten vorschlägt.
Am Montag den 25. August geht es gemütlich durch das ländliche Litauen bis nach Punia. Vorher machen wir aber noch einen Abstecher nach Alytus um einzukaufen. Heute probieren wir den RIMI Hypermarkt aus, müssen aber feststellen, dass die Auswahl an Früchten und Gemüse nicht annähernd an diejenige von LIDL herankommt.
Wenige Kilometer später biegen wir dann nach Punia ab. Hier führt ein kurzer Spaziergang zu einem Burghügel, auf dem im 13. Jahrhundert eine Festung stand. Da die Wehranlage aus Holz bestand, ist davon nichts mehr übrig. Lediglich eine Informationstafel am Fuss des steilen, schwer einnehmbaren Hügels, erinnert an den historischen Bau.
Unser nächstes Ziel ist der Thermalkurort Birstonas am Fluss Memel (Nemunas). Ausser einer schönen Parkanlage gibt es allerdings hier nicht viel zu sehen. Wir belassen es daher bei einem kurzen Spaziergang.
Im Freilichtmuseum Rusmiskes folgt nochmals eine kurze Wanderung. Im Zentrum der Anlage steht der Nachbau einer authentischen kleinen Stadt aus dem 19. Jahrhundert. Rund um den Marktplatz sind Kirche mit separatem Glockenturm, Schule, Werkstätten von Handwerkern, ein Café und Ladengeschäfte angeordnet. Auch eine alte Windmühle und verschiedene Gehöfte mit landwirtschaftlichen Gebäuden sind auf dem weitläufigen Gelände zu finden.
Einen Schlafplatz finden wir heute an der aufgestauten Memel, auf einem Rastplatz kurz vor Kaunas. Von hier erreichen wir, nach einer ruhigen Nacht, schon nach wenigen Kilometern das Fort IX am Rand von Kaunas Dieses wurde kurz vor dem Zweiten Weltkrieg errichtet und war das letzte von neun Festungen in einem Ring von Befestigungsanlagen rund um die Stadt. Unter sowjetischer Besatzung wurden die Gebäude als Gefängnis genutzt. Zwischen 1940 und 1941 wurden von hier viele politische Gefangene aus Litauen nach Sibirien verschleppt. Im Sommer 1941 übernahmen die deutschen Nationalsozialisten. Sie erschossen hier beim Fort IX etwa 50'000 Menschen, darunter 30'000 Juden, wovon viele Kinder waren. Die Leichen wurden auf dem Feld neben der Festung verscharrt. Auf dem Massengrab wurden 1991 drei riesige Skulpturen errichtet, die Leid, Kampf und Sieg symbolisieren sollen. Nachdenklich verlassen wir die Gedenkstätte.
In Kaunas finden wir bei der Burg einen zentral gelegenen Parkplatz, von wo wir die schöne Stadt erkunden können. Von den Resten der Burg aus dem 16. Jahrhundert geht es, vorbei an zahlreichen Kirchen, zum grossen Platz vor dem Rathaus, der zurzeit neugestaltet wird. In der schönen Fussgängerzone geniessen wir ein feines Mittagessen mit gebratenen Shrimps zur Vorspeise und Moules mit Pommes zur Hauptspeise. Und das für nicht einmal 50 Euro inklusive Getränke.
Etwas ausserhalb der Stadt finden wir auf einem Parkplatz am Fluss Nevezis einen schönen Übernachtungsplatz.
Das Wetter ist jetzt wieder sonnig und warm. Weiter geht es entlang dem Nemunas (Memel). Ausserhalb der Städte ist auf den meist schmalen Strassen nicht viel los. Die wenigen Autos sind dafür umso rasanter unterwegs und fallen teils durch waghalsige Überholmanöver auf. Geschwindigkeitsangaben scheinen eher als Empfehlung, denn als verbindlich angesehen zu werden.
In Szeredzius steigen wir nochmals auf einer steilen Holztreppe auf einen Burghügel und besuchen die Schlösser in Raudono und Panemune. Beide können nur von aussen besichtigt werden, bieten aber immerhin die Möglichkeit zu einem kurzen Spaziergang.
Um das schöne Wetter auszunutzen fahren wir schon kurz nach Mittag auf einen Rastplatz am Fluss. Hier werden wir auch die Nacht verbringen.
Am 28. August erreichen wir das Kurische Haff, das Mündungsgebiet der Memel in die Ostsee. Der Fluss bildet hier die Grenze zwischen der russischen Exklave Kaliningrad und Litauen. Auch hier bietet ein Wanderparkplatz eine ideale Übernachtungsmöglichkeit.
Von hier aus erkunden wir am nächsten Tag, bei eher regnerischem Wetter die Kurische Nehrung. Dabei handelt es sich um eine schmale Landzunge, die sich vom russischen Kaliningrad bis zum litauischen Klaipeda ausdehnt. Von hier ist sie nur mit der Fähre zu erreichen. Obwohl nur etwa 600 Meter in knapp 5 Minuten zurückgelegt werden kostet die Überfahrt mit dem Wohnmobil 47 Euro. Dazu kommen dann nochmals 20 Euro Parkeintritt. Die Strasse führt hauptsächlich durch Wald bis nach Nida. Danach ist an der Grenze zu Russland Schluss. Bei den grossen Dünen, einer der Attraktionen, gibt es nur einen kleinen, bereits überbelegten Parkplatz. Da ist für ein Wohnmobil kein Platz mehr. Es bleibt uns daher nur ein Spaziergang in Nida und ein Abstecher zum Strand an der Ostsee. Im Nachhinein müssen wir sagen, hat sich der Ausflug zu dem Preis nicht gelohnt hat. Besser wäre das Auto auf dem Festland zu lassen und die Nehrung mit dem Fahrrad zu erkunden.
In Klaipeda ist das Übernachten im Wohnmobil nicht erlaubt. Wir steuern deshalb einen der zahlreichen Campingplätze an und übernachten auf dem Karkelbeck Camping. Der ruhig gelegene Platz liegt nur einige hundert Meter vom Strand und den Klippen entfernt. Das bietet Gelegenheit zu einem Abendspaziergang. Auf dem Platz werden auch Klangschalentherapien angeboten. Ausserdem gibt es eine separate, vegetarische Kochgelegenheit. Fleisch und Alkohol sind nicht gerne gesehen. Hier haben wir auch Gelegenheit den Wassertank aufzufüllen.
Nach dem Einkauf bei Lidl, der fast in jedem grösseren Ort zu finden ist, geht es zum Museum in Nasreni. Hier wurde 1801 der Priester Motiehaus Valanciaus geboren. Dieser versuchte das litauische Erbe gegen die, vom Zar angeordnete, Russifizierung zu retten. Dafür wird er immer noch verehrt. Heute findet zu seinen Ehren eine Zeremonie mit kleinem Markt, Musik und Theater statt.
Weiter geht es zum mystischen Garten des Vilius Orvidas. Nachdem der sowjetische Präsident Chruschtchow anordnete, alle Grabsteine und religiösen Symbole von Friedhöfen zu entfernen, brachte man diese in den Garten des Steinmetzes Kazys Orvidas. Die sowjetischen Behörden versuchten mehrfach den Garten zu zerstören. Als Symbol steht heute ein rostiger Sowjet-Panzer vor dem Eingang. Der Sohn Vilius gab dem Garten sein heutiges Gesicht.
Weiter steht noch ein Museum über den Kalten Krieg auf dem Programm. Mitten im Wald von Ploksciai steht eine ehemals geheime Raketenbasis. Vier abschussbereite Atomraketen mit kurzer Reichweite waren auf Ziele in Westeuropa gerichtet. Die unterirdischen Gänge, Kontrollräume und eines der vier Raketensilos können besichtigt werden.
Am nahen See gibt es wieder eine kostenlose Übernachtungsmöglichkeit und die Gelegenheit für eine kurze Wanderung entlang dem Ufer. Vor dem Schlafengehen schaut dann auch noch ein junger Fuchs vorbei und hofft auf etwas zu Fressen.
Bei trübem Wetter geht es heute weiter zum Berg der Kreuze in Siauliai. Dies ist ein Ort des Widerstandes gegen Russland. Während der Aufstände der litauischen Bevölkerung gegen die russischen Besatzer im 19. Jahrhundert begann man auf dem Berg Kreuze für die gefallenen Angehörigen zu errichten. Nach Stalins Tode 1953 stellten viele, aus dem Gulag zurückgekehrte, Litauer Kreuze für ihre toten Kameraden auf. Auch heute noch deponieren einige Besucher ein Kreuz an dem heiligen Ort, wo Papst Johannes Paul II. schon eine Messe gelesen hat.
Im Städtchen Birzai, wo es gleich vier Brauereien gibt, machen wir einen kurzen Spaziergang am See und bei den alten Festungsanlagen bevor wir einige Kilometer weiter, auf dem Parkplatz bei der Kuhhöhle, einem der zahlreichen hier vorhandenen Karsttrichter, übernachten.
Lettland
Es ist bereits der 1. September. Heute überqueren wir die Grenze zu Lettland. Auch hier ist die Landschaft geprägt von landwirtschaftlichen Ackerflächen und ausgedehnten Wäldern.
In Bauska machen wir einen ersten Halt und besichtigen das Schloss. Der Bau der Burg, welche zwischen den Flüssen Müsa und Memele liegt, wurde um 1450 begonnen und immer wieder erweitert. 1705 nahmen russische Truppen die Festung kampflos ein und zerstörten sie bei ihrem Abzug im Folgejahr. Von der mittelalterlichen Burg sind nur Ruinen erhalten geblieben. Ein Erweiterungsbau aus dem 16. Jahrhundert wurde hingegen aufwändig restauriert und kann als Museum besichtigt werden. Hier sind historische Waffen und Gewänder ausgestellt. Zudem sind die Wohn- und Arbeitsräume der Schlossbewohner wieder hergerichtet.
Nur wenige Kilometer weiter steht das Schloss Rundale, das als Versailles des Baltikums gilt. Da es dem bekannten französischen Prachtsbau nachempfunden ist. Der Bau des Barockschlosses wurde von der russischen Zarin Anna Iwanowa veranlasst. Es sollte als Sommerresidenz des kurländischen Herzogs Ernst Johann Biron dienen. Dieser konnte es allerdings erst einmal nur drei Jahre nutzen, da der nach dem Tod von Zarin Anna im Jahr 1740 nach Sibirien verbannt wurde. Erst 1763 konnte Herzog Biron zurückkehren.
Wir besichtigen die schön restaurierten Räume und Säle, die aufwändig dekoriert und möbliert sind. Auch der französische Garten, wo es immer noch üppig blüht und die Rosen herrlich duften, ist sehenswert.
Auf dem Parkplatz des Schlosses können wir kostenlos übernachten und erwachen am Morgen bei schönstem Sonnenschein. Nach dem Frühstück fahren wir zum Wald von Pokaini. Dem düsteren Wald und seinen Ansammlungen von Steinen und Findlingen werden starke Energiefelder nachgesagt und zur Mittsommernacht treffen sich hier nicht nur Esoteriker. Wir wandern durch diesen besonderen Wald und versuchen die Energie zu spüren. Wahrscheinlich fehlt uns der Glaube, denn es gelingt uns nicht. Zahlreiche Pfade führen kreuz und quer von Kraftort zu Kraftort. Nur dank unserer Karten-App MapOut, wo wir immer sehen wo wir uns befinden, können wir die Rundwanderung abschliessen.
Danach fahren wir einige Kilometer weiter zum See Zebus ezers. Hier verbringen wir den Rest des Nachmittags und die Nacht, einsam und alleine in der Natur.
Erneut geht es bei sonnigem Wetter weiter. Beim Schloss Jaunpils, das lange der Familie von Recke gehörte, halten wir ein erstes Mal, machen einen kurzen Spaziergang und beschränken uns darauf das Herrenhaus von aussen zu betrachten.
Nächster Programmpunkt sind die Cinevilla Studios. Hier, mitten im Nirgendwo, sind die Kulissen für verschiedene Filme errichtet worden, die hier gedreht wurden. Wir schlendern durch ein Mini Riga, ein Wikingerdorf oder die Ruinen eines Kriegsfilmes. Heute wirkt alles etwas heruntergekommen und es werden hier schon seit Jahren keine Filme mehr gedreht.
Nach dem Einkauf in Tukums halten wir beim Backsteinschloss Jaunmokas, das 1901 als Jagdschloss für den Bürgermeister von Riga errichtet wurde. Danach geht es weiter nach Kandava, wo wir durch das Städtchen spazieren. Auch hier stand einmal eine mächtige Burg des livländischen Ordens, wovon allerdings nur noch die Grundmauern erhalten geblieben sind. Ein Modell davon steht im Park am Fuss des Burghügels. Wir spazieren durch den Friedhof rund um die lutherisch evangelische Kirche. Hier stehen auf den alten Gräbern noch Grabsteine und Metallkreuze aus dem letzten und vorletzten Jahrhundert.
Beim Usmas See, wo die meisten Campingplätze bereits geschlossen sind, finden wir auf einem Picknickplatz am Ufer einen herrlichen Platz um den Tag ausklingen zu lassen und die Nacht zu verbringen.
Das Navi führt uns am nächsten Morgen auf ungeteerten Nebenstrassen durch die riesigen Waldgebiete von Lettland bis nach Kilduga. Hier spazieren wir durch die Fussgängerzone des hübschen Städtchens zur roten Backsteinbrücke über den Abava. Es soll sich dabei um die längste Ziegelsteinbrücke Europas handeln. Nur wenige hundert Meter den Fluss hinauf befindet sich der Ventas Rumba Wasserfall. Dieses nur etwa zwei Meter hohe Hindernis spannt sich über die ganze Flussbreite. Im Herbst sollen hier Lachse beobachtet werden können, welche die Fälle auf dem Weg zu ihren Laichgründen überspringen. Dazu ist es jetzt aber noch zu früh. Wir kehren durch die Altstadt zurück zum Parkplatz. Im Unterschied zu Tschechien und Polen sind die historischen Häuser nur in Ausnahmefällen restauriert. Häufig machen die Gebäude einen etwas verwahrlosten und unbewohnten Eindruck. Hier und auch in anderen Städten gäbe es schon noch Potential die Orte touristisch aufzuwerten.
Wir fahren weiter in Richtung Ostsee bis zur Hafenstadt Ventspils (Windau). Auf einem grossen Parkplatz am Hafen finden wir einen kostenlosen Übernachtungsplatz. Von hier können wir die Frachtschiffe und Fähren von und nach Gotland beim Ein- und Auslaufen beobachten. Unmittelbar am Hafen, am Ufer der Venta, liegt die Burg, die wir uns allerdings nur von aussen anschauen. Sonst wirkt die Stadt wie ausgestorben, lediglich die russisch-orthodoxe Kirche mit ihren goldenen Zwiebeltürmen beeindruckt uns. Im Innern bestaunen wir die herrlichen Ikonen, die an den Wänden hängen.
Es ist jetzt Freitag, der 5. September. Wir folgen der wenig befahrenen Küstenstrasse, welche durch den bewaldeten Sliteres Nationalpark bis zum Kap Kolka führt. Stichstrassen führen ans sandige Ufer der Ostsee. Einen Abstecher machen wir zum Leuchtturm von Ovisi, einen weiteren zur Radioteleskopstation von Irbene. Diese wurde zu Sowjetzeiten zum Abhören des verhassten Westens verwendet. Heute wird die Anlage von Universitäten für Wissenschaftliche Projekte genutzt. In unmittelbarer Nachbarschaft stehen noch die Ruinen von alten Kasernen, in denen Militärpersonen untergebracht waren.
Eine kurze Wanderung zum See Peterezers führt durch den lichten Nadelwald. Dabei finden wir einige Eierschwämmli und einen Steinpilz, der sich dann beim Rüsten, trotz makellosem Äusserem, als durch und durch wurmig erweist.
Auf einem Wanderparkplatz am Kap Kolka finden wir einen schönen Übernachtungsplatz, wo wir Morgen auch noch einen Ruhetag verbringen werden. Hier haben wir reichlich Möglichkeiten für Spaziergänge am Strand und durch den Wald.
Am Samstag stehen kurze Spaziergänge an. Dabei begegnen wir immer wieder Einheimischen, welche durch die Wälder streifen und Eimerweise Pilze zum Parkplatz tragen. Da reut es uns fast etwas, dass wir uns, mangels Kenntnis, auf Steinpilze und Pfifferlinge beschränken müssen. Aber wir nehmen nur was wir wirklich kennen.
Am Kap ist heute einiges los, denn der Ort dient heute als Ziel für einen Langstreckenlauf, bei dem aus der Region Riga 136 Kilometer innerhalb von 55 Stunden zurückgelegt werden. Die ersten Läufer sind heute bereits eingetroffen. Die letzten Nachzügler werden uns morgen Sonntag bei der Fahrt nach Riga noch einige Kilometer vor Kap Kolka entgegenkommen.
Am nächsten Morgen geht es dann etwa 160 Kilometer bis nach Riga. In Jurmala haben wir eigentlich die Absicht uns den beliebten, langen Sandstrand anzusehen. Allerdings ist heute Sonntag dermassen viel los, dass wir keinen Parkplatz finden. Da haben wir die 3 Euro Umwelt-Maut um durch das Städtchen zu fahren halt vergebens bezahlt. Dafür finden wir in Riga, der Hauptstadt Lettlands problemlos einen Parkplatz, der nur wenige hundert Meter von der Altstadt entfernt, etwas abseits der Strasse, am Ufer des Flusses Daugava liegt.
Es ist erst um die Mittagszeit und so verbringen wir den Nachmittag in der hübschen Altstadt. Zahlreiche Touristen bevölkern die Gassen und Plätze oder sitzen in einem der vielen Restaurants. Wir spazieren vom Schloss zum Domplatz. Die Stadt wurde von Bischof von Buxhoeveden um 1201 gegründet. Zur selben Zeit wurde auch der Grundstein für ein Kloster und den heutigen Dom gelegt. Das Innere des lutheranisch-evangelischen Domes ist schlicht gehalten. Lediglich die schönen Buntglasfenster und die Orgel stechen ins Auge. Neben dem Dom gibt es noch einige weitere Kirchen im näheren Umkreis. Auch ein Pulverturm und ein Teil der Stadtmauer sind erhalten geblieben.
Beim grossen Park, in dem auf einem Kanal Bootsfahrten angeboten werden, steht die hohe Säule des Freiheitsdenkmals und die Orthodoxe Kathedrale der Geburt Christi.
Heute gönnen wir uns wieder ein Nachtessen im Restaurant mit Entenbrust und Rindsbacke. Wir geniessen die ausgezeichnete Küche und ruhige Atmosphäre des Restaurants Petergailis.
Heute Montag ist wieder einmal Waschtag. Im dichten Morgenverkehr fahren wir zu einem Einkaufszentrum in einem Aussenquartier. Hier gibt es einen Waschsalon der Kette Laundromat, mit modernen, sauberen Maschinen. Schon nach einer Stunde ist alles gewaschen und trocken. So können wir noch schnell einkaufen und schon geht es weiter bis nach Sigulda im Gaujas Nationalpark. Bei der Gutmannshöhle, auf den Parkplatz des Infozentrums, werden wir übernachten. Wir unternehmen einen kurzen Spaziergang zur Höhle. Es soll sich um die Grösste des Baltikums handeln. Bekannt ist sie aber durch Steinritzungen, welche die Sandsteinwände bedecken. Die ältesten stammen aus dem 17. Jahrhundert.
Kurz bevor wir ins Bett wollen, kommt Aufregung auf. Unser Heki 3 Dachfenster lässt sich nicht mehr schliessen. Ich habe schon von anderen Wohnmobilbesitzern gehört, dass mit den Antriebswellen Probleme auftauchen können. Beim Versuch das Fenster zu schliessen, bricht zu allem Übel dann auch noch die Kunststoffhaube. Schliesslich können wir, nach der Demontage des Innenrahmens, die Antriebswellen lösen, so dass die Dachhaube in die geschlossene Position fällt. Vor etwa einer Woche ist schon unsere Duschwanne gebrochen. Diese haben wir mit Klebstoff und Panzertape soweit abgedichtet, dass wir die Dusche weiter nutzen können. Zum Verteilen unseres Körpergewichts haben wir ein Brett in die Wanne gelegt, damit es nicht weiter reisst. So kommen nach unserer Rückkehr dann einige Ausgaben für Reparaturen auf uns zu.
Nach der ganzen Aufregung schlafen wir nicht sonderlich gut, haben aber doch noch eine kurze Wanderung im Gaujas Nationalpark vor. Zur Verbesserung der Stimmung sorgt noch der Mitarbeiter, der singend und tanzend die Toiletten des Informationszentrums reinigt.
Es sind nur wenige Kilometer bis zum Wanderparkplatz beim Schloss von Sigulda. Von hier startet eine Tour, die uns im Besucherzentrum empfohlen wurde. Bei blauem Himmel, aber noch kühlen Morgentemperaturen geht es durch den Wald und auf steilen Holztreppen hinunter in die Rabenschlucht. Auch hier gibt es etliche Sandsteinhöhlen, die mit Steinritzungen versehen sind. Weitere Auf- und Abstiege über Treppen führen uns durch die feuchten Tobel und schliesslich hinauf zum Aussichtspunkt Paradiesberg. Allerdings ist ausser Bäumen und Büschen nicht viel zu erkennen. Auf dem Wanderweg, der mit dem Zeichen des Jakobsweges markiert ist, geht es hinunter zum Fluss Gauja. Vorbei an schönen Bade- und Pick-Nick-Plätzen erreichen wir über eine steile Holztreppe die Ruine der livländischen Ordensburg aus dem 13. Jahrhundert und das schöne «Neue Schloss». Jetzt sind es nur noch wenige hundert Meter bis zum Ausgangspunkt der Wanderung, wo unser Brummsli auf uns wartet. Nach knapp 8 Kilometern gibt es ein Joghurt zum Mittagessen, bevor wir etwa 90 Kilometer weiter fahren bis zum See Limbazu Lielezers. Hier, beim Bootshaus des Kajak-Clubs und einem Badestrand werden wir die Nacht verbringen.
Das Wetter ist auch am 10. September immer noch herrlich spätsommerlich. Wir fahren westwärts bis zur A1, die in Küstennähe von Süden nach Norden verläuft. Das Meer ist allerdings nur selten zu sehen, da sich beidseits der Strasse Nadelwälder ausbreiten. So nehmen wir eine der Stichstrassen bis zum grossen Parkplatz beim Klintis Campingplatz. Hier wollen wir einen kurzen Spaziergang zu den Sandsteinklippen unternehmen, welche die Region zu einem beliebten Ausflugsziel machen. Auch die Routen der Euro-Velo 10 und 13 (Ostseeroute 9100 Km rund um die Ostsee und Eiserner Vorhang Trail 10600 Km vom Schwarzen Meer bis zur Barent See) führen hier entlang. Auf dem Spazierweg erreichen wir den langen Strand. Die Klippen sind eigentlich eher eine nur wenige Meter hohe Böschung aus Sandstein, in die Wind und Wellen kleine Höhlen gegraben haben.
Wenige Kilometer weiter, in Salacgrava, machen wir Halt bei einer Fischbrücke, die über den Salaca Fluss gespannt ist um das Neunauge zu fangen. Die Tiere ähneln Aalen, sind aber, biologisch betrachtet, keine Fische, sondern Wirbeltiere. Sie leben parasitär, sie saugen sich an Fischen fest, trinken deren Blut und beissen kleine Fleischstücke aus dem Körper. Mit Reusen, die zwischen den Stangen der Brücke befestigt sind, werden die Tiere während der Laichzeit gefangen. Neunaugen leben im Meer und kommen nur zum Laichen ins Süsswasser. Sie galten lange als Delikatesse, sind heute aber an vielen Orten geschützt.
Jetz sind es nur noch wenige Kilometer bis nach Estland. Wir verlassen die verkehrsreiche A1 und fahren auf einer Nebenstrasse entlang der Küste. Über mehrere Kilometer wird die schmale Strasse mit grobem Schotter und Erde in Stand gesetzt. Wie in Skandinavien sind auch im Baltikum die kleinen Nebenstrassen nicht asphaltiert.
Südlich von Pärnu finden wir einen schönen Übernachtungsplatz an Meer inmitten eines riesigen Schilfgürtels. Hier verbringen wir den sonnigen Nachmittag und spazieren zum Badeplatz am Strand. Wir sind allerdings von der Ostsee als Badegewässer nicht sonderlich begeistert. Das Wasser ist meist bräunlich-trüb und die Gezeitenzone mit Schlamm und Algen bedeckt. Das hält allerding eingefleischte Wasserratten, und dazu gehören wir definitiv nicht, mitnichten vom Baden ab.
Überschrift 1
Estland
Nach dem Frühstück fahren wir, immer noch bei schönem Wetter los. Im Lidl von Pärnu kaufen wir noch ein paar Kleinigkeiten ein und versuchen an der benachbarten Circle K Tankstelle unseren Wassertank zu füllen. Allerdings kommt aus dem Hahn nur ein Rinnsal. Wir brauchen für 10 Liter über 5 Minuten, so dass wir das Unterfangen abbrechen. Wir haben schliesslich noch fast hundert Liter im Tank, das reicht für mehrere Tag.
Auf Nebenstrassen fahren wir bis nach Virtsu. Von hier geht es mit der Fähre auf die Insel Muhu. Im Vergleich zum Wucherpreis für die kurze Überfahrt zur Kurischen Nehrung muten die 20 Euro für die 30-minütige Passage heute als Schnäppchen an.
In den nächsten Tagen wollen wir die drei, dem Festland vorgelagerten Inseln Muhu, Saaremaa und Hiiumaa erkunden. Für heute wollen wir es aber gut sein lassen und suchen einen Übernachtungsplatz. Es ist nämlich ein besonderer Tag, wir feiern unseren 38. Hochzeitstag. Wir biegen von der Hauptstrasse ab auf eine Holperpiste bis zu einem Picknickplatz am Meer. Hier stossen wir mit einer Flasche Prosecco auf unseren Hochzeitstag an. Es kommt zwar kräftiger Wind auf und am Horizont sind schon die dunkeln Wolken einer angekündigten Schlechtwetterfront zu erkennen. Unser Schlafplatz ist aber durch hohe Hecken ruhig und windgeschützt, so dass wir noch problemlos draussen sitzen können. Obwohl es hier Plumpsklo und Feuerstellen gibt, bleiben wir die ganze Nacht allein.
Schon während der Nacht beginnt es zu regnen und es hört den ganzen Vormittag nicht auf. Trotzdem machen wir Halt beim Freilichtmuseum Koguva. Dieses wurde im Geburtshaus des estnischen Schriftstellers Juhan Smuul eingerichtet und umfasst einige landwirtschaftliche Gebäude und ein altes Schulhaus. Eigentlich wirkt das ganze Dorf wie ein Museum. Etliche mit Ried gedeckte Häuser werden privat genutzt und der Zugang ist mit entsprechenden Hinweisschildern versehen. So sollen Touristen davon abgehalten werden in fremden Gärten rumzulaufen. Am Hafen von Koguva gibt es auch noch ein Fischereimuseum und ein kleines Hotel. Ansonsten ist nicht viel los, so dass wir bald zum Parkplatz zurückkehren. Über einen Damm gelangen wir auf die Insel Saaremaa. Dort besichtigen wir die Ruinen der Festung von Maaslinn. Die Burg des Deutschen Ordens wurde 1345, nach einem niedergeschlagenen Aufstand der Inselbevölkerung erbaut. Heute sind nur noch einige Gewölbe im Untergrund und einige Grundmauern erhalten. Die ganze Ausgrabungsstätte ist überdacht und vor Wind und Wetter geschützt.
In Kaali, einige Kilometer weiter, umrunden wir den Meteoritenkrater, der ungefähr vor 4000 Jahren beim Einschlag eines Eisenmeteoriten entstand. Der Krater hat einen Durchmesser von etwa 110 Metern und ist von einem 16 Meter hohen Erdwall umgeben. In der Umgebung befinden sich acht Nebenkrater, die durch Bruchstücke des zerborstenen Geschosses aus dem All entstanden sind und mit Durchmessern von 15 bis 40 Metern deutlich kleiner sind.
Schliesslich erreichen wir Kuressaan, die grösste Stadt der Insel. Wir spazieren vom Parkplatz, auf dem wir übernachten werden, zur Bischofsburg aus dem 14. Jahrhundert und in die hübsche Innenstadt. Diese ist zwar nicht vollständig autofrei, die Geschwindigkeit ist aber auf 10 Km/h begrenzt und lädt zum flanieren ein. Es ist mittlerweile auch wieder fast wolkenlos und angenehm warm, so dass wir in einem der zahlreichen Restaurants den Apéro geniessen können. Später gibt es auch noch eine feine Pizza. Beim Spaziergang zurück zum Parkplatz treffen wir noch unsere deutschen Nachbarn, die wir vor einigen Tagen am Kap Kolka kennengelernt haben und wechseln ein paar Worte.
Am nächsten Morgen können wir am offiziellen Stellplatz der Stadt, der sich am Hafen befindet, noch unseren Wassertank auffüllen, obwohl wir nicht dort übernachtet haben. Die 34 Euro Standgebühr konnten wir uns auf dem kostenlosen Parkplatz sparen.
Danach fahren wir südwärts auf die Halbinsel Sörve. Diese reicht weit ins Meer hinein und verengt dadurch den Wasserweg zur Rigaer Bucht. Der Durchgang ist nur 25 Kilometer breit und war deshalb in beiden Weltkriegen heftig umkämpft. An der Südspitze, beim 53 Meter hohen Leuchtturm von Sääre gibt es noch einige Bunkerüberreste, die im Wasser stehen. Im nahen Militärmuseum werden verrostete Fundstücke aus den beiden Kriegen ausgestellt.
Kurze Stopps machen wir bei einer alten Windmühle und einem Kiesstrand, der durch seine unzähligen, bis zu mannshohen Steinmännchen zum Touristenmagnet geworden ist.
Auf Schotterstrasse geht es jetzt wieder nordwärts bis zum kleinen Leuchtturm von Lou. Hier an dem ruhigen Platz, abseits der Strasse faulenzen wir den Rest des Nachmittags und werden hier die Nacht verbringen.
Während der Nacht ist wieder Regen aufgekommen und in den nächsten Tagen soll es wechselhaft bleiben. Wir fahren auf der Küstenstrasse weiter und biegen dann in einen Forstweg ein, der immer schmaler wird und grossen Wasserpfützen aufweist. Die Bäume des lichten Nadelwaldes stehen verdächtig nahe am Wegrand und wir beobachten aufmerksam, dass keine dicken Äste Schaden am Auto anrichten können. Schliesslich kommen wir wieder auf die Hauptstrasse zurück und erreichen die Klippen von Panga. Diese sind maximal 21 Meter hoch und erstrecken sich über etwa 3 Kilometer.
Es bleibt für heute noch ein Abstecher zu den Windmühlen von Angla. Hier werden in einem kleinen Museum, neben alten landwirtschaftlichen Maschinen und verrosteten Traktoren auch einige Windmühlen ausgestellt. Neben hier üblichen, drehbaren Bockwindmühlen, deren Drehmechanismus durch grosse Steinhaufen stabilisiert wird, ist auch eine Holländische Mühle zu sehen.
Eigentlich wäre jetzt der Plan, vom nahen Leisi, mit der Fähre auf die Insel Hiiumaa zu fahren. Das Schiff verkehrt allerdings nur zwei Mal täglich. Gestern war das online verfügbare Kontingent an Plätzen bereits vergeben. Wir fahren deshalb zum Anleger um allenfalls einen Platz in der Stand-by Kolonne zu ergattern. Wir sind zwar die ersten dort, denn die Fähre verkehrt erst um 19 Uhr, aber auch am Ticketautomaten am Hafen können wir kein Ticket mehr lösen. Da kann uns auch der Mitarbeiter im Hafenbüro nicht helfen.
Wir suchen uns darum erst einmal einen Übernachtungsplatz an einem Schiffsanleger für Fischerboote. Wir hatten den ganzen Tag sonniges und trockenes Wetter, aber jetzt am Abend beginnt es wieder zu regnen und das hält auch die ganze Nacht an.
Gegen 5 Uhr am Morgen gibt es dann ein abruptes Erwachen. Es tropft nämlich vom defekten Dachfenster direkt auf Elsbeth. Schnell verlassen wir das Bett und versuchen das eindringende Wasser mit einer Schüssel aufzufangen. Ich montiere den Innenrahmen ab, um festzustellen, wo das Wasser eindringt. Also an der Dichtmasse liegt es nicht, es muss also mit der defekten doppelwandigen Dachhaube zusammenhängen, die gebrochen ist, als wir vor ein paar Tagen das Fenster mit der Kurbel nicht mehr schliessen konnten. Langsam wird es hell und auch der Regen lässt nach. So krame ich nochmals die Teleskopleiter aus dem Stauraum und klettere auf das Wohnmobildach um die Dachhaube zu begutachten. Tatsächlich entdecke ich in einem Falz einen langen Riss, den ich beim letzten Mal übersehen hatte. Durch diesen ist das Regenwasser in die Doppelverglasung eingedrungen und hat sich dann irgendwann den Weg bis zu uns ins Bett gesucht. Mit extrem haftendem Monstertape verklebe ich den Riss in der Hoffnung, dass es bis zu unserer Heimkehr hält.
Auf dem gleichen Weg, wie wir auf die Inseln gelangt sind, kehren wir auf das Festland zurück und fahren in Richtung Tallinn. In Haapsalu besichtigen wir die Ruine der Bischofsburg. Am Fenster der alten Domkirche soll abends die Weisse Frau spuken. Sie wurde der Legende zu folge, zur Strafe für ihre Liebe zu einem jungen Domherren, lebendig in der Turmwand eingemauert.
Wir spazieren zum alten Bahnhof. Dieser wurde 1909 für die Zarenfamilie und andere Gäste des beliebten Seebades errichtet. Davor stehen alte Lokomotiven und Eisenbahnwagen. Es tut fast weh, zu sehen in welch schlechtem Zustand die Ausstellungsstücke sind, die hier langsam vor sich hin rosten.
Etwa 30 Kilometer weiter steht die Klosterruine von Padise, die einzige noch erhaltene, befestigte Klosteranlage Nordeuropas. Der Ursprung geht auf das Jahr 1310 zurück. 1766 wurde die Anlage vom Blitz getroffen und nicht wieder aufgebaut. In den 1930 Jahren wurde damit begonnen die Mauerreste zu sichern und zu überdachen. Leider ist das Kloster montags geschlossen, so dass wir es nur von aussen betrachten können.
In Rummu steht die letzte Besichtigung für heute an. In einer alten Industrieruine hat der Abbau von Kalk weisse Berge mit tiefen Furchen hinterlassen. Davor liegt das türkisblaue Wasserbecken des Rummu Sees, in dem seit der Stilllegung der Anlage mehrere Gebäude versunken sind. Einige davon gehörten zum Gefängnis von Murru, dessen Insassen im Bergwerk arbeiten mussten. Heute ist der See ein beliebtes Badegewässer und in einem Unterseeboot werden Tauchgänge zu den versunkenen Ruinen angeboten.
Am Ufer der Ostsee suchen wir uns wieder einen schönen Übernachtungsplatz mit toller Sicht auf den Sonnenuntergang. Denn nachdem es den ganzen Tag immer wieder geregnet hat, zeigt sich das Wetter gegen Abend wieder von seiner guten Seite.
Meine Klebeaktion vom Morgen ist auch von Erfolg gekrönt, denn das Fenster ist, zumindest im Moment, dicht.
Es ist bereits Dienstag, der 16. September. Unser heutiges Ziel ist die estnische Hauptstadt Tallinn. Vorher machen wir aber noch einen Halt beim Wasserfall von Keila-Joa. Hier rauscht das Wasser des Flusses Keila über eine gut sechs Meter hohe Stufe Der Wasserfall liegt in einem schönen Park, der von etlichen Spazierwegen durchzogen ist. Auf Informationstafeln erfahren wir, dass das Flusswasser eine 60 cm dicke harte Gesteinsschicht über einer 5.5 m dicken, weicheren Kalksteinformation liegt. Dadurch wird der obere Teil des Wasserfalls langsamer erodiert, als die untere Schicht. So entsteht ein Überhang, der von Zeit zu Zeit abbricht und am Fuss der Fälle Stromschnellen bildet. Durchschnittlich zieht sich die Felskante jährlich 9.6 cm zurück.
Kurz vor Mittag erreichen wir Tallinn. Auf einem Parkplatz am Hafen werden wir für nur 10 Euro übernachten. Dafür haben wir vorher beim Einkaufen eine Busse von 50 Euro kassiert. Wir haben beim Einkaufszentrum nicht beachtet, dass die Blaue Zone Scheibe mit der Ankunftszeit im Auto zu deponieren ist, da die Parkzeit auf zwei Stunden limitiert ist.
Vom Parkplatz am Hafen sind wir in wenigen Minuten in der malerischen Altstadt von Tallin. Diese ist teilweise immer noch von der alten Stadtmauer mit steinernen Türmen umgeben. Die historischen Häuser sind schön restauriert und die hübschen Gassen und Plätze laden zum Flanieren ein.
Als erstes besichtigen wir ein altes KGB Gefängnis, das sich unscheinbar im Keller eines Stadthauses befunden hat. Die kleinen, spartanischen Zellen und der «Befragungsstuhl» lassen erahnen, was sich hier zugetragen hat. In kleinen Boxen, in denen ein Erwachsener weder aufrecht stehen, noch sich hinsetzen oder hinlegen konnte, wurden die Gefangenen für Stunden oder Tage eingesperrt. Wer die Befragungen hier überlebt hat wurde in der Regel im Anschluss nach Sibirien in den Gulag geschickt.
Als nächstes besuchen wir die Nikolaikirche, diese wurde während den Bombenangriffen im Zweiten Weltkrieg zerstört, danach aber wieder aufgebaut. Sie dient heute als Museum und Konzertsaal. Mit dem Glaslift fahren wir hinauf zur Aussichtsplattform auf dem Turm und geniessen den Rundumblick. Im Museum sind, unter anderem, ein Totentanz von 1508 und der Hochaltar von 1478 ausgestellt. In der Silberkammer sind die Silberschmuckstücke verschiedener Gilden und Zünfte zu sehen. Vorbei am Freiheitsplatz mit der Siegessäule zum Freiheitskrieg 1918 – 1920 gelangen wir zur russisch-orthodoxen Alexander-Newski Kathedrale. Auch dies beeindruckt durch den Prunk und die herrlichen Ikonen.
Das Wetter hat sich heute, trotz eher schlechter Prognose, recht gut gehalten. Nur gelegentlich prasselt ein kurzer Regenschauer nieder, danach zeigt sich dann wieder die Sonne.
Schliesslich kehren wir zurück zu unserem Wohnmobil und machen uns parat für ein feines Nachtessen im Kogu Resto. Hier holen wir unser Hochzeitstags-Essen nach und geniessen das Fünf Gänge Menü «Chef’s set» mit einer herrlichen Flasche Pinot Noir aus dem Loiretal.
Am nächsten Morgen geht es bereits weiter. Wir haben nach einem Tag in der Stadt meistens genug und verlassen gerne wieder den Trubel der grossen Menschenansammlungen. Nach einigen Zusatzschlaufen in der Stadt geht es ostwärts in Richtung Narwa. Einen ersten Halt machen wir in Rebala, wo wir uns eine Ansammlung von Steinkistengräbern aus der späten Bronzezeit, etwa 800 vor Christus, anschauen. Die 36 Gräber kamen beim Bau einer Strasse zum Vorschein und wurden nach genauer Untersuchung neben die neue Strasse versetzt. Das kleine Museum ist leider noch geschlossen und öffnet erst in einer Stunde. Wir fahren deshalb weiter zu unserem nächsten Ziel im kleinen Dorf Joelähtme. Hier steht eine der ältesten Kirchen Estlands, deren Ursprung auf das Jahr 1220 zurückgeht. Wie meistens, ist die Kirche verschlossen und es bleibt nur der Spaziergang rund um das Gotteshaus mit dem Friedhof. Hier sind die Grabsteine und Kreuze bis zu 150 Jahre alt.
Nur wenige Kilometer weiter geht es zum Jägala Wasserfall. Mit 8 m Höhe und einer Breite von bis zu 50 m (bei hohem Wasserstand) ist er der Grösste in Estland. Heute rauscht das Wasser allerdings nur über die Hälfte der Steinstufe.
Jetzt ist es Zeit für etwas Bewegung. Im Viru Moor spazieren wir auf einem Bohlenweg zu einem Aussichtsturm. Von hier haben wir einen tollen Blick auf die ausgedehnte Sumpffläche mit zahlreichen Tümpeln und Seen. Gemäss Hinweisschildern ist ein Teil des Rundweges überflutet und wegen dem hohen Wasserstand nicht begehbar. Wir kehren deshalb auf dem gleichen Weg zum Parkplatz zurück und fahren weiter zum Kap Juminda. Ein kurzer Spazierweg führt zum Ostseestrand, wo ein Denkmal an die Opfer des Zweiten Weltkrieges erinnert. Hier vor dem Kap versenkten Ende August 1941 deutsche und finnische Einheiten mindestens 52 sowjetische Schiffe, die dabei waren Tallinn zu evakuieren. Dabei kamen bis zu 25'000 Menschen ums Leben.
Den Rest des meist verregneten Nachmittages und die kommende Nacht verbringen wir hier am Kap.
Auf der holprigen Waldstrasse geht es wieder auf die Hauptstrasse. Schon nach wenigen Kilometer halten wir aber an einem Wanderparkplatz im Lahemaa Nationalpark. Auf dem weichen Waldweg und, an feuchten Stellen auf Bohlen, wandern wir zum Findling «Majakivi». Es handelt sich dabei, mit 584 Kubikmetern, um den drittgrössten Findling in Estland, der während der letzten Eiszeit vor 11'300 – 13'300 Jahren von den Gletschern aus Schweden oder Finnland hierher transportiert wurde. Der riesige Felsbrocken ist 15,1 m lang, 11,0 m breit und 7.0 m hoch. Über eine Holzleiter kann er bestiegen werden. Wir setzen unsere Wanderung durch ein Moor fort. Auf der anderen Seite des Sumpfes steht auf einer hohen Sanddüne ein neu errichteter Aussichtsturm. Auf der obersten Plattform, mehr als 20 Meter über dem Grund, bietet sich eine tolle Aussicht auf das Moor und den Wald und am Horizont ist die Ostsee zu erkennen.
Nach über zwei Stunden sind wir zurück beim Parkplatz und fahren noch ein kurzes Stück bis zur Spitze der Pärispea Halbinsel. Auch hier gibt es einen Parkplatz mit Plumpsklo und Picknickplätzen, der sich zum Übernachten eignet.
Am nächsten Morgen wollen wir uns, ganz in der Nähe, die Kunstsammlung des einstigen estnischen Aussenministers Jaan Manitzki anschauen. Diese ist in Vilnistu im Kühlhaus einer ehemaligen Fischfabrik untergebracht. Da die Ausstellung erst um 11 Uhr öffnet, brauchen wir uns heute Morgen nicht zu beeilen, denn schon nach einer Viertelstunde erreichen wir das Dorf. Wie meistens, erhalten wir auch hier Seniorenrabatt und zahlen nur 5 Euro pro Person für den Eintritt. Wir sind im Moment die einzigen Besucher und können die über 1000 Kunstwerke ungestört betrachten.
Der Küstenstrasse folgend geht es weiter bis zur Burgruine von Toolse. Dies war die nördlichste Burg des livländischen Ordens und schützte den Hafen von Rakvere vor Piraten. Die Mauern der Festung sind nur teilweise restauriert. Die höchste der noch stehenden Mauern hat eine beängstigende Neigung nach vorn und wird durch starke Träger und dicke Stahlstangen vor dem Umfallen bewahrt.
Am Strand bei Saka finden wir einen ruhigen Platz zum Übernachten. Nur ein weiteres Wohnmobil aus Deutschland hat den Weg hierher gefunden. Der Fahrer lebt mit seinem Hund, nachdem ihm die Wohnung gekündigt wurde, seit über einem Jahr in dem Fahrzeug und verbringt den Sommer im Norden und den Winter in Griechenland.
Am Samstagmorgen, es ist der 20. September, ist schon früh einiges los auf dem Platz. Gruppen von Einheimischen sind, mit Plastiksäcken ausgerüstet, auf dem Weg zum Strand um Abfall einzusammeln. Erst später am Abend hören wir in den Nachrichten, dass heute Clean-Up-Day ist. In verschiedenen Ländern sammeln Freiwillige Abfall ein, der achtlos in der Natur liegen gelassen wurde.
Nachdem es gestern, vor allem am Nachmittag, sonnig und warm war, regnet es heute Morgen wieder und es ist ziemlich kühl. Wahrscheinlich komme ich nicht darum herum, die kurzen Hosen bald geben lange einzutauschen.
Heute ist die russische Grenze in Narva unser nächstes Ziel. Zuerst wollen wir aber an einer Circle K Tankstelle unseren Wassertank auffüllen. Wie immer lässt der Wasserdruck aber sehr zu wünschen übrig, so dass wir 40 Minuten benötigen um die 100 Liter aufzufüllen. Aber was solls, wir haben ja Zeit. Den Peetri Plaats in Narva erreichen wir noch früh genug. Hier befindet sich der Grenzübergang, wo die Brücke den Fluss Narva überspannt und Estland mit Russland verbindet. Zur Zeit kann die Grenze allerdings nur zu Fuss überquert werden und es bildet sich eine lange Kolonne, nachdem Reisebusse ihre Fahrgäste entladen haben
Wir spazieren zur Hermannsfeste, die genau gegenüber der russischen Festung Iwangorod liegt, nur geteilt vom Fluss Narva. Die Stadt war nach dem zweiten Weltkrieg fast vollständig zerstört. Ausser dem Rathaus und der alten Ordensburg wurden die historischen Gebäude nicht wieder aufgebaut. Die Stadt ist darum wenig sehenswert und so fahren wir zurück bis Toila. Hier spazieren wir durch den Oru-Park, der vor über hundert Jahren rund um die Sommerresidenz eines russischen Kaufmanns aus St. Petersburg angelegt wurde. Auf dem Parkplatz können wir wieder kostenlos übernachten.
Entlang der russischen und belarussischen Grenze zurück zur Suwalki Lücke
Den nördlichsten Punkt unserer Reise und die Ostsee lassen wir jetzt hinter uns. Auf der Ostseite des Baltikums geht es, meist nahe der russischen oder belarussischen Grenze, wieder südwärts der Suwalki Lücke und Polen entgegen.
Einen ersten Halt machen wir beim orthodoxen Nonnenkloster Pühtitsa in Kuremäe. Heute Sonntag (21.9.2025) nutzen zahlreiche Besucher den freien Tag um das Kloster zu besuchen. Dabei fällt auf, dass die meisten Frauen einen Rock tragen und das Haar mit einem Schal bedecken. Kurze Hosen, auch für Männer, und unbedeckte Schultern sind nicht erlaubt. Auch heute noch leben über 100 Nonnen hier. Die Klosteranlage umfasst eine grosse Kirche mit den typischen Zwiebeltürmen, kleinere Kapellen und mehrere Wohngebäude zudem ist die ganze Anlage von einer hohen Mauer umgeben. Wir spazieren durch den gepflegten Blumengarten und gelegentlich huscht eine der schwarz gekleideten Nonnen an uns vorbei, die Haare sorgfältig unter dem Schleier versteckt. Vor dem Eingang ist der Friedhof angelegt. Einheitliche Metallkreuze stehen in Reih und Glied. Alle Gräber sind gepflegt obwohl einige noch aus dem 19. Jahrhundert stammen. Etwas abseits des Klosters wird das Wasser einer heiligen Quelle gefasst. Hier füllen die Einheimischen das Wasser, dem heilende Wirkung nachgesagt wird, in Flaschen und Kanister ab.
Weiter geht es bis zum Pelpus See. Dieser ist mit 3555 Quadratkilometern etwa siebenmal so gross wie der Bodensee. Mitten durch das Gewässer verläuft die Grenze zwischen Estland und Russland. Am nördlichen Ufer finden wir im lichten Kiefernwald und nur wenige Meter vom Sandstrand entfernt einen schönen Übernachtungsplatz. Es sind hier auf einer Länge von etwa zwei Kilometern dutzende von Picknick-Plätzen mit Grill, Tischen und Bänken eingerichtet. Im Sommer verbringen dort, am Wasser und im Schatten des Waldes, die Leute ihre Ferien und freien Tage. Heute, in der Nachsaison, sind nur einige wenige Wohnmobile hier. Wir nutzen das schöne Wetter und machen noch einen Spaziergang durch den Wald und an den Strand.
Am nächsten Morgen ist es schon wieder vorbei mit dem schönen Wetter. Eigentlich entgegen der Prognose. Dem Seeufer entlang führt die Strasse nach Mustvee, wo wir einen Stopp einlegen. Die Dörfer hier am See werden von «Altgläubigen» bewohnt. Das ist eine Abspaltung der russisch-orthodoxen Kirche, welche die kirchlichen Riten nach alten Traditionen pflegen. So sitzen die Gläubigen in der Kirche nach Geschlechtern getrennt und die Männer sollen sich die Bärte nicht rasieren. Die Gemeinschaft wurde in Russland lange verfolgt. In Mustvee ist davon allerdings nicht viel zu spüren und es gibt, ausser dem kleinen Hafen nicht viel zu sehen. Wir fahren deshalb weiter bis nach Kallaste, ebenfalls ein Dorf der Altgläubigen. Am Strand gilt die kleine Sandsteinklippe als Sehenswürdigkeit, obwohl sie wenig spektakulär ist. Auch einige alte Häuser nutzen wir als Fotosujet.
Nur wenige Kilometer weiter, in Allatkivi, schauen wir uns das Schloss an. Dieses wurde 1840 nach dem Vorbild des königlichen Schlosses Balmoral in Schottland erbaut.
Jetzt ist es nicht mehr weit bis Tartu. In der Universitätsstadt mit etwa 100'000 Einwohnern, werden wir die Nacht verbringen. Es ist die zweitgrösste Stadt in Estland. Auf einem Parkplatz beim Markt, direkt am Fluss Emajögi, gibt es einen ruhigen und zentral gelegenen Übernachtungsplatz. Dem Fluss entlang sind wir in 5 Minuten im Zentrum mit den schön restaurierten Altstadthäusern. Hinter dem Rathaus geht es hinauf auf einen kleinen bewaldeten Hügel. Hier befinden sich mehrere Gebäude der Universität, die 1632 gegründet wurde, ein Observatorium und die Ruine der alten Domkirche. Von der Befestigung der Altstadt ist leider kaum noch etwas übrig.
Es ist endlich wieder wolkenlos. Wir verlassen Tartu und fahren ein Stück über Land. Am Flüsschen Elvajögi haben wir eine kurze Wanderung geplant. Auf dem Rundweg geht es zuerst durch den Mischwald und anschliessend dem Elvajögi entlang zurück zum Parkplatz. Es sind nur etwa 5 Kilometer, aber der Spaziergang tut gut, zumal mich in den letzten Tagen das linke Hüftgelenk plagt. Ein gemütlicher Spaziergang auf weichem Waldboden kann nicht schaden.
Am Vörtsjärv See besuchen wir das Järvemuseum, wo die typische Fauna des Sees in 23 Aquarien betrachtet werden kann. Eine kleine Ausstellung informiert über die Flora, Umweltprobleme und den Fischfang im See. Am Westufer des Vörtsjäv, an einer abgelegenen Schiffsanlegestelle werden wir die Nacht verbringen.
Wieder starten wir in einen wolkenlosen Tag und verlassen den idyllischen Platz am See. Erneut ist eine Wanderung geplant und so geht es zum Naturpark Taevaskoja. Der Rundweg startet beim kleinen See, der durch den aufgestauten Ahja jögi entstanden ist. Die Staumauer ist zwar nur wenige Meter hoch. Auf dem kleinen, langgezogenen See verkehrt während den Sommermonaten ein Touristenboot und bietet den Besuchern Rundfahrten an. Jetzt, gegen Ende September ist der Betrieb eingestellt.
Der Wanderweg folgt dem Fluss, der sich unterhalb der Staumauer in engen Schlaufen durch eine Schlucht mit hohen Sandsteinwänden zwängt. Informationstafeln klären uns darüber auf, dass hier in den 1960er Jahren einige Szenen für einen Film gedreht wurden. Suur Taevaskoda diente schon früh als Kultplatz und Kraftort. Die Lichtung liegt in einer Flussschleife. In einer Höhle in der gegenüberliegenden Sandsteinwand soll eine Jungfrau gelebt haben, die nur zur Mittsommerwende sichtbar wurde. Jeder Mann, der sie erblicken konnte soll in der folgenden Nacht seine Liebe gefunden haben.
Auf der anderen Flussseite geht es oben auf den Klippen, nach etwa 7 Km, wieder zurück zum Parkplatz.
Die Nacht verbringen wir am Peipsi-Rikvajärv See beim Dörfchen Lüübnitsa. Die Grenze zu Russland verläuft nur wenige hundert Meter vom Ufer entfernt.
Der Herbst macht sich deutlich bemerkbar. Letzte Nacht mussten wir zum ersten Mal die Heizung einschalten, denn die Aussentemperatur lag nur noch knapp über dem Gefrierpunkt. Wir fahren weiter südwärts. Es gäbe eine Nebenstrecke, welche nahe der russischen Grenze verläuft und an zwei Stellen über russisches Territorium führt. Dort ist es nicht erlaubt anzuhalten und auszusteigen. Wir wissen allerdings nicht, ob die Durchfahrt wegen dem Ukraine-Krieg noch möglich ist und fahren deshalb auf der Hauptstrasse zu den Sandsteinhöhlen von Piusa, die wir anschauen wollen. Säulengänge im Sandstein entstanden durch den Abbau von Quarzsand zur Glasherstellung. Allerdings sind wir noch früh dran und müssten bis zur Öffnung um 12 Uhr noch über eine Stunde warten. Wir verzichten deshalb auf die Besichtigung und fahren weiter bis zur Burg von Vastseliina. Diese wurde 1342 vom livländischen Orden erbaut und entwickelte sich zu einer der mächtigsten Burganlagen Livlands und ausserdem zu einem Wallfahrtsort. Das Kreuz in der Kapelle galt als wundertätig. Im Informationszentrum gibt es eine schöne Ausstellung zum Leben im Mittelalter, aber auch zu den damals gängigen Folterwerkzeugen.
Danach geht es zum Munamägi, dem höchsten Berg im Baltikum. Eigentlich ist es mehr ein Hügel. Vom Parkplatz müssen wir nur etwa 60 Höhenmeter bewältigen um den Gipfel, 320 Meter über Meer, zu erreiche. Ein 35 Meter hoher Aussichtsturm bietet einen schönen Rundumblick mit einer Sichtweite von etwa 50 Kilometern. Die Aussichtsplattform erreichen wir bequem mit einem Lift.
Bald erreichen wir unser Tagesziel Vöru, wo wie auf einem Parkplatz am See übernachten.
Die baltischen Staaten sind generell nicht sehr dicht besiedelt, so hat Estland etwa 45'000 Km2 und 1.4 Millionen Einwohner, Lettland mit 65'000 Km2 wird von 1.9 Millionen Menschen bewohnt und Litauen umfasst ebenfalls rund 65'000 Km2 bei 3 Millionen Einwohnern. Dabei lebt dann jeweils ein stattlicher Anteil der Leute in den wenigen grösseren Städten. Alle drei Länder sind also grösser als die Schweiz (41'000 Km2), haben aber nur einen Bruchteil der Einwohner. Dementsprechend gibt es, speziell auf Nebenstrecken, kaum noch Verkehr und nur noch wenige Dörfer. Die Strassen, die von den wichtigen Verkehrsachsen wegführen sind meist auch nicht mehr asphaltiert und nicht immer gut unterhalten. Wellblechpassagen kommen da immer mal wieder vor.
Häufig wird das Baltikum, insbesondere Estland, was Digitalisierung anbelangt, als äusserst fortschrittlich beschrieben. Wir sind deshalb erstaunt, dass die Länder, gerade auch hier im Osten, eher einen ärmlichen Eindruck hinterlassen. Auf dem Land leben die Menschen oft in einfachen Holzhäusern und in den grösseren Ortschaften sind noch viele heruntergekommene Plattenbauten aus der Sowjetzeit anzutreffen. Einzelne Liegenschaften sind dem Verfall preisgegeben und wurden schon seit Jahren nicht mehr unterhalten.
Entsprechend sind die Sehenswürdigkeiten hier im Osten spärlicher als entlang der Küste und so beschränken wir uns in den nächsten Tagen auf kurze Spaziergänge, da mein schmerzendes Hüftgelenk längere Wanderungen nicht mehr zulässt, und den Besuch von Burgruinen und Kirchen. Dafür gibt es viele Kilometer auf einsamen Schotterpisten durch die einsamen Wald- und Sumpflandschaften.
Kurz nach Vöru spazieren wir durch den Hinni Kanjon, wobei Canyon etwas hochgestapelt ist, denn es handelt sich um ein kleines Tobel mit etwa 6 Meter hohen Sandsteinwänden. Einen weiteren kleinen Spaziergang am See gibt es im Karula Nationalpark. Kurz danach überqueren wir bei Ape die Grenze zu Lettland und erreichen die kleine Stadt Alüksne. Hier liegt auf einer Insel die Marienburg, die Ruine einer ehemaligen Burg des livländischen Ordens. Das «neue Schloss» befindet sich im grossen Park am See. Das Gebäude im Tudorstil war bis zur Landreform 1920 im Privatbesitz und gehört heute der Stadt.
Übernachten wollen wir heute Freitag in Balvi, auf einem Parkplatz am See. Wir werden aber von Anwohnern darauf aufmerksam gemacht, dass sich hier am Wochenende die Dorfjugend mit ihren Autos trifft um in Überlautstärke Musik zu hören. Ein Picknickplatz auf der gegenüberliegenden Seeseite wird uns als ruhige Alternative empfohlen.
Am Samstag, den 27. September machen wir einen kurzen Spaziergang im Moorgebiet, besuchen die Burgruine in Rezeknes und in Ludza die Kirche und die Ruine der Festung. Eine Gruppe von polnischen Soldaten ist ebenfalls in der Kirche. Das bringt wieder ins Bewusstsein, wie nah die russische Grenze ist und dass das Verhältnis zwischen Russland und den NATO-Ländern angespannt ist. Bis jetzt haben wir allerdings, ausser einem finnischen Offizier, kaum Militär gesehen.
Am Sonntag besuchen wir den Kristus Karala Kalns, einen Skulpturenpark mit dutzenden von religiösen Holzfiguren, die auf zwei Inseln und auf den angrenzenden Wiesen ausgestellt sind. In Aglona machen wir einen Halt bei der Wallfahrtskirche, wo eine gut besuchte Messe abgehalten wird. Es gibt hier auch eine heilige Quelle, wo auch wieder eifrig Flaschen und Kanister abgefüllt werden. Über Krisalva mit seinem Schloss fahren wir nach Daugavpils. Die bedeutende Festungsanlage aus dem 19. Jahrhundert bildet heute ein eigenes Stadtquartier. Ein Teil der alten Anlage ist renoviert und beherbergt ein Museum. Andere Gebäude werden als Wohngebäude genutzt und wieder Andere stehen leer und verfallen. Auf einem Parkplatz an der Festungsmauer können wir übernachten.
Es ist jetzt Montag, der 29. September. Wieder einmal ist Waschtag. Wir nutzen erneut einen Salon der Kette «Laundromat». Diese sind zwar nicht billig, haben aber einheitliche und saubere Maschinen unterschiedlicher Grösse. So ist nach einer knappen Stunde schon wieder alles sauber und trocken. Es bleibt nur noch der Einkauf im angrenzenden Supermarkt und dann sind wir wieder «on the road». Über ein schmales Waldsträsschen geht es zur litauischen Grenze. Dabei zwingen uns Waldarbeiter mit ihren grossen Maschinen und Lastwagen zu einigem «rangieren». Die Fahrer sind aber geduldig und geben sich Mühe, uns Platz zu machen.
Kurz nach der Grenze steht in Stelmuze eine der ältesten Holzkirchen des Baltikums aus dem Jahr 1650. Auch eine der ältesten Eichen Europas ist hier zu finden. Ihr Alter wird auf 1500 bis 2000 Jahre geschätzt. Allerdings ist der eindrückliche Baum in sehr schlechtem Zustand. Der Stamm ist hohl und die mächtigen Äste sind mit Metallträgern abgestützt. Die Eiche ist auch von Algen und Pilzen befallen. Ein hoher, massiver Zaun verhindert, dass Besucher im Wurzelbereich rumtrampeln.
Am Luodis See, bei Salakas, finden wir wieder einen schönen Übernachtungsplatz. Da die Temperaturen aber kaum noch 10° erreichen und ein kräftiger Wind bläst, werden wir die schöne Badestelle mit Steg und Sandstrand nicht nutzen.
Man merkt, dass der Winter langsam naht. Die Temperatur während der Nacht war nur noch knapp über 0°. Auch tagsüber wird es nicht viel wärmer und so haben wir, trotz sonnigem Wetter, die warmen Jacken und Pullover immer griffbereit.
Wir besuchen das Imkermuseum von Stripeikiai, dieses liegt sehr abgelegen in einem Naturpark und ist nur über eine schmale Waldstrasse erreichbar. Auf einem grossen Areal wird in mehreren historischen Gebäuden über die Imkerei und das Leben der Bienen informiert. Ein Schwerpunkt wird dabei auf alte Formen der Bienenhaltung gelegt. Deshalb sind neben modernen Bienenkästen auch geflochtene Bienenkörbe oder Bienenhäuser aus ausgehöhlten Baumstämmen ausgestellt. Wir sind erstaunt über die moderne Gestaltung der Ausstellung, wo auf Bildschirmen mit Touchscreen Videos angeschaut werden können. Bei einem Bauern kaufen wir uns dann noch ein paar Gläser mit regionalem Honig.
Wir wollen heute noch Vilnius erreichen. Allerdings stellt eine etwa 40 Kilometer lange Baustelle auf der A14 unsere Geduld auf eine harte Probe. Alle paar Kilometer zwingt uns ein Lichtsignal mit 10 Minuten-Intervall zu langen Wartezeiten. Zudem ist die Fahrbahn sehr schlecht markiert und wir müssen uns den Weg zwischen Baggern und Lastwagen suchen. Eigentlich wollten wir uns den Mittelpunkt Europas, der vom französischen Landesvermessungsamt errechnet wurde, anschauen. Wegen der Baustelle ist dieser aber nicht erreichbar.
Schliesslich erreichen wir dann doch noch die litauische Hauptstadt Vilnius im dichten Feierabendverkehr. Am Rand der Altstadt, unterhalb der Schlossruine werden wir die nächsten zwei Nächte verbringen und vertreten uns noch die Beine beim Spazieren durch die abendliche Stadt, die wir morgen erkunden wollen.
Es ist immer noch kühl, aber wolkenlos sonnig und so können wir stundenlang durch die schöne Altstadt marschieren. Unterhalb der Schlossruine befindet sich das ehemalige Schloss der Grossherzöge und die Kathedrale. Vilnius weist eine extreme Dichte an Kirchen auf. Wir beschränken uns daher auf einige wenige, die wir auch von Innen anschauen. Besonders beeindruckend ist die orthodoxe Heilig-Geist-Kirche mit der pompösen Ausstattung und den kunstvollen Ikonen. Hier werden auch die sterblichen Überreste der drei Heiligen Jonas, Eustachius und Antanas in einem Reliquienschrein aufbewahrt.
Während wir zum Mittagessen mit Fischsuppe und gebratenem Thunfisch eher ein leichtes Menü wählen, versuchen wir uns am Abend an der währschaften und kalorienreichen litauischen Küche mit gebratenem Schweinebauch.
Am 2. Oktober verlassen wir Vilnius in Richtung Kernave. Dies ist die älteste bekannte Hauptstadt Litauens. Die Siedlung, welche sich unten am Fluss in der Ebene befand, wurde im 13. und 14. Jahrhundert von fünf Wehrburgen, die auf den umliegenden Hügeln errichtet wurden, bewacht. Ausser den Burghügeln ist davon allerdings heute nichts mehr zu sehen. Ein nachgebautes Dorf veranschaulicht die damalige Lebensweise. Im angegliederten Museum sind Fundstücke der Siedlungen ausgestellt, die bis zu den ersten Bewohnern der Region in der Steinzeit vor 11'000 Jahren zurückdatiert werden.
Unser heutiges Tagesziel ist Trakai, das vor langer Zeit auch einmal die Hauptstadt Litauens war. Die Burg auf einer Insel im Galves See war Sitz der litauischen Grossfürsten. Trotz der geschützten Lage blieb von der Festung nur eine Ruine, die seit Anfang des 20. Jahrhunderts aufwändig restauriert und rekonstruiert wurde. Über zwei Holzbrücken gelangen wir ins Innere der Burg, wo sich auch ein Museum befindet. Auch hier stellen wir fest, dass die Eintrittspreise, auch durch den Seniorenrabatt, mit 5 Euro pro Person, recht bescheiden sind.
Die Nacht verbringen wir auf einem ruhigen Parkplatz am See.
Es bricht unser letzter Reisetag in Litauen an. Auf Nebenstrassen geht es fast bis zur Grenze zu Kaliningrad. Bevor wir über einen kaum befahrenen Grenzübergang nach Polen einreisen, werden wir noch von einer bewaffneten Militärpatrouille kontrolliert. Jetzt sind es nur noch wenige Kilometer bis nach Rutka-Tartak, wo die Gemeinde einen kostenlosen Stellplatz (inklusive Strom und Wasser) direkt am See zur Verfügung stellt. Heute ist es so schön, dass wir den Nachmittag wieder einmal im Liegestuhl verbringen können.

































